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Aleutie/Shutterstock.com

Die Sharing-Ökonomie ist auf dem Vormarsch. Immer mehr Menschen verzichten auf Eigentum und entscheiden sich lieber für gemeinschaftliche Formen des Besitzes. Ihre Botschaft: Konsumieren geht auch anders –  sparsamer, sozialer und günstiger für die Umwelt. Ein vielversprechender Weg in eine nachhaltige Zukunft. Von Gundula Englisch

Tauschen statt kaufen, teilen statt besitzen, reparieren statt wegwerfen. Noch vor wenigen Jahren waren solche gemeinschaftlichen Besitz- und Konsumformen ein Nischentrend. Mittlerweile aber erobert die Sharing-Ökonomie die Mitte­ der Gesellschaft. Fast die Hälfte der Deutschen hat Umfragen zufolge in den letzten zwei Jahren ein Sharing-Angebot genutzt. Bei den unter 30-Jährigen zeigen sich sogar 82 % aufgeschlossen gegenüber der Wirtschaft des Teilens und Tauschens.
Angetrieben wird dieser eigentlich uralte Marktmechanismus vor allem durch die sozialen Netzwerke des Internets. Denn Smartphone-Apps und Sharing­-Portale machen den gemeinschaftlichen Gebrauch von Dingen so einfach und bequem wie nie zuvor.
Wozu also ein Auto besitzen, wenn  Carsharing-Wagen oder Leihfahrräder mit wenigen Mausklicken günstig und bedarfsgerecht bereitstehen? Warum die Jeans im Geschäft kaufen, wenn sie auf Kleidertauschbörsen fast umsonst zu haben ist? Warum viel Geld in eine selten benutzte Bohrmaschine investieren, wenn sie in der Nachbarschaft ausgeliehen werden kann?
Viele Gründe sprechen dafür, das gewohnte Kaufverhalten infrage zu stellen und sich lieber für geteilten Konsum zu entscheiden. Zum einen schont das den Geldbeutel und entlastet von dauerhaften finanziellen Verpflichtungen. Zum anderen kann jeder Einzelne damit zur Verringerung des Energie- und Materialverbrauchs beitragen. Ein geteiltes Auto zum Beispiel entlastet die Umwelt von bis zu fünf Privatfahrzeugen mitsamt ihrem Benzinbedarf und ihren Abgasen. 
Die Sharing-Ökonomie leistet aber nicht nur einen Beitrag zum nachhaltigen Wirtschaften, sie schafft in vielen Fällen auch Gemeinschaft und soziale Einbindung. Beim Tauschen, Teilen und Wiederverwenden geht es nämlich auch um die Begegnung von Menschen, um den Austausch von Erfahrungen, Wissen und Geschichten, um Zugehörigkeit und Wohlgefühl. Kein Wunder also, dass die neue Lust am alternativen Konsum weite Kreise zieht. Teil- und Tauschangebote erleben überall in Deutschland einen regelrechten Boom, viele davon werden von engagierten Bürgern oder gemeinnützigen Organisationen ins Leben gerufen. Auch die Unternehmenswelt macht mit der Sharing-Idee glänzende Geschäfte, wenngleich die Kommerzialisierung des geteilten Konsums nicht unbedingt seinen ursprünglichen Idealen entspricht. Doch unterm Strich bietet diese neue Spielart der Wirtschaft vielfältige Gelegenheiten für alle, die kostengünstiger, nachhaltiger und sozialer konsumieren möchten. So entstehen Chancen zum Mitmachen ebenso wie zum Mitgestalten, wie die folgenden Beispiele zeigen.

Patricia Fuchs
Rainer Kwiotek/Zeitenspiegel

Die  Essens-Retter
Jeder Deutsche wirft jährlich rund 82 Kilo­gramm Lebensmittel weg – im Gegenwert von 235 €. Insgesamt landen jedes Jahr 11 Millionen Tonnen Nahrung in unseren Mülleimern, 550.000 Tonnen entsorgen allein die Supermärkte. Dass einwandfreie Lebensmittel einfach weggeworfen werden, findet Patricia Fuchs unerträglich. Deshalb ist die 26-jährige Botschafterin von „Foodsharing“ geworden, einer gemeinnützigen Organisation, die sich gegen die Essensverschwendung wendet. Nach der Devise „Teile Lebensmittel, statt sie wegzuwerfen“ holen die Essensretter überschüssiges Gemüse, Joghurt, Brot und Co. beim Supermarkt oder am Marktstand ab und bestücken damit sogenannte „Fair-Teiler.’“ „Das sind öffentliche Kühlschränke, aus denen sich jeder kostenlos bedienen kann oder auch selbst etwas hineinlegt“, erklärt Fuchs. „Rohes Fleisch, roher Fisch und abgelaufene Lebensmittel sind allerdings tabu.“
Bedürftigkeit muss im Gegensatz zu den Tafeln niemand nachweisen, doch die meisten Essens-Teiler gehören nicht zu den Großverdienern. Auch Fuchs selbst macht regen Gebrauch von diesem Angebot – und spart sich damit fast die Hälfte ihrer Lebensmittel-Einkäufe. Das Geldsparen ist für die Schorndorferin aber nur ein willkommener Neben­effekt. „Die Rettung der Lebensmittel und die damit verbundene Wertschätzung dieser Produkte sind mir wichtiger.“
Wer sich auf der Plattform von Food­sharing registriert, kann seine Essensvorräte auch online teilen. Angebot und Nachfrage findet über die Eingabe der Postleitzahl zusammen. Der Anbieter muss sich allerdings verpflichten, nur Essen in einwandfreiem Zustand abzugeben.
Für die Restbestände vom Markt oder vom Lebensmittelladen gelten solche Auflagen nicht. „Aber das meiste ist in Ordnung“, erzählt Fuchs. „Wenn ich zehn Kilo Gemüse geschenkt bekomme und eines davon ist vergammelt, dann ist das auch okay.“
Fast fünf Millionen Kilo Lebensmittel haben die Aktivisten von Foodsharing bereits vor der Tonne gerettet, mehr als 60.000 Nutzer sind bei der Organisation registriert. Und wie wird man zum Botschafter der Essensretter? Ganz einfach, meint Patricia Fuchs. „Anmelden, einen kurzen Wissenstest absolvieren und dann aktiv werden, also Händler fürs Mitmachen gewinnen, Standorte für die Kühlschränke finden und Mitstreiter um sich scharen.“
www.foodsharing.de
www.lebensmittelretten.de
www.mundraub.org

Daniel Reitmeier
Michaela Handrek-Rehle/Zeitenspiegel

Die Klamotten-Tauscher
Mit vollen Taschen kommen, mit vollen Taschen gehen. Bei den Kleidertauschpartys von Green City München kann jeder Schnäppchen zum Nulltarif machen und gleichzeitig den eigenen Kleiderschrank umweltfreundlich ausmisten. „Wir möchten mit unserer Veranstaltung ein Zeichen gegen die Wegwerfgesellschaft setzen“, sagt Daniel Reitmeier. „Kleider tauschen statt kaufen ist eine nachhaltige und zugleich günstige Alternative zum übermäßigen Modekonsum.“ Viermal im Jahr lädt die Münchner Umweltinitiative zum Kleidertausch ein, rund 300 Teilnehmer nehmen das Angebot inzwischen wahr. Offenbar gilt es zunehmend als out, gebrauchte Klamotten achtlos im Müll oder im Altkleidercontainer zu entsorgen. Mit gutem Grund, denn allein die Herstellung eines einzigen Baumwoll-T-Shirts verbraucht bis zu 2000 Liter Wasser und verursacht einen Kohlendioxidausstoß von acht bis neun Kilogramm. Für die Umweltbilanz ist es also ein echter Gewinn, wenn ausrangierte Kleidungsstücke einen neuen Besitzer finden. Überdies spart Kleidertauschen Geld und macht richtig Spaß, meint Reitmeier: „Die Leute geben sich gegenseitig Modetipps und erzählen Geschichten von ihren abgelegten Kleidern. Das fühlt sich viel besser an, als anonymer Konsum.“
Kleidertauschpartys sind natürlich auch eine gute Gelegenheit, um neue Bekanntschaften zu machen, besonders wenn sie, wie in München, mit viel Musik und Unterhaltung bis in die Abendstunden dauern. Solche Kleidertausch-Events mit Partycharakter haben sich in vielen Städten zu wahren Publikumsmagneten gemausert. Und auch private Kleidertausch­aktionen, etwa in der Nachbarschaft oder im Freundeskreis, liegen voll im Trend. Angesichts der Tatsache, dass jedes fünfte Teil im Kleiderschrank so gut wie nie getragen wird und fast die Hälfte aller Klamotten bereits nach kaum einem Jahr ausgemustert wird, ist Kleidertauschen ja auch durchaus cleverer als Kleiderkaufen.
www.greencity.de
www.kleiderkreisel.de
www.dietauschboerse.de

Carsten Bühlweiler
Rainer Kwiotek/Zeitenspiegel

Die Wieder-Hersteller
Was tun, wenn die Kaffeemaschine streikt, der Handyakku schwächelt oder das Kabel der Heckenschere kaputt ist? Zum Wegwerfen eigentlich zu schade, doch meistens sind die Reparatur­kosten im Verhältnis zum Neukauf viel zu hoch. 1,8 Millionen Tonnen zum Teil noch intakte Elektrogeräte werden in Deutschland jedes Jahr verschrottet, das sind pro Kopf über 20 Kilogramm. Zuviel, findet Carsten Bühlweiler und hat gemeinsam mit zwei Mitstreitern eine ehrenamtliche Reparaturwerkstatt ins Leben gerufen: „Mir geht es dabei nicht nur ums Geldsparen, sondern vor allem auch um Ressourcen­schonung, um die Wertschätzung von Gegenständen, die oft gedankenlos weggeworfen werden.“
Im Winterbacher Reparaturcafé sorgen 17 versierte Fachleute dafür, dass kaputte Elektrogeräte, Möbel, Kleidung oder Fahrräder wieder gebrauchstauglich werden – immer am letzten Samstag im Monat und gegen eine kleine Spende.­ Wer seinen defekten Wasserkocher, DVD-Player oder Staubsauger vorbeibringt, bekommt nicht nur Expertenhilfe, sondern auch Anleitung zur Selbsthilfe. „Wir sind eine Mitmach-Werkstatt, und viele unserer Experten sind Ruheständler, die ihr Wissen gerne weitergeben möchten“, erklärt Bühlweiler. Wie öffnet man ein Gerät so, dass es auch wieder zu geht? Wie lässt sich der defekte Schalter reparieren? Wie tauscht man den kaputten Hosenreißverschluss aus? Im Repaircafé geht es auch darum, den Menschen Mut zum Reparieren zu machen und das Bewusstsein für diese alte und fast vergessene Kunst zu stärken. Ein Trend übrigens, der auf große Resonanz in der Bevölkerung stößt. Derzeit gibt es in Deutschland rund 500 ehrenamtliche Reparatur-Initiativen, manche davon verfügen sogar über Hightech-Geräte wie 3D-Drucker oder Lasercutter. Die Lust am Reparieren ist auf dem besten Weg, den heimischen Bastelkeller zu verlassen und zur öffentlichen und gemeinschaftlich organisierten Bewegung zu werden. „Jeder kann und sollte mitmachen“, sagt Carsten Bühlweiler. „Der Umwelt zuliebe – aber auch, weil es ein unglaublich befriedigendes Gefühl ist, etwas Kaputtes wieder in Gang zu bringen.“
www.repaircafe.de
www.reparatur-initiativen.de
www.offene-werkstaetten.org

Birgit Läpple-Held
Rainer Kwiotek/Zeitenspiegel

Die Gemeinschaftsgärtner
Gärtnern in der Stadt – das war noch vor wenigen Jahren ein Widerspruch in sich.  Stadtleben spielte sich auf versiegelten Flächen und in sterilen Grünanlagen ab. Das hat sich gründlich geändert. Unter dem Schlagwort „Urban Gardening“ entstehen im ganzen Land gemeinschaftlich genutzte Stadtgärten, in denen jeder ohne Nutzungsgebühr säen und ernten kann. Viele dieser Garteninitiativen verwandeln Brachflächen in Eigenregie wieder in fruchtbares Land – oft auch nur für eine begrenzte Zeit.
Auch der Gemeinschaftsgarten im schwäbischen Fellbach muss irgendwann weiterziehen, doch das ist für die Mit-Initiatorin Birgit Läpple-Held kein Problem: „Unser Garten ist so mobil, dass er jederzeit den Standort wechseln kann.“ Auf der städtischen Brachfläche von 360 Quadratmetern wird nämlich nichts in den Boden gepflanzt. Vielmehr wachsen Gemüse, Salat und Kräuter in 32 beweglichen Hochbeeten und allerlei anderen Pflanzgefäßen wie Einkaufswagen, alten Badewannen, Plastikflaschen oder Reissäcken. Ein Teil der Beete wird kostenlos an die Mitstreiter verpachtet, der andere Teil gemeinschaftlich bepflanzt und beerntet. Außerdem gibt es Flächen für Workshops und Kreativprojekte. Chemische Dünger und Pflanzenschutzmittel sind verboten, ansonsten gibt es keine strengen Regeln fürs gemeinschaftliche Gärtnern. Jeder der 45 Mitstreiter kann sich nach eigenem Gusto einbringen, sei es als Vollblutgärtner oder als zeitweiliger Gast mit Lust auf Grün oder Gesellschaft. „Die kostenlose Selbstversorgung mit Obst und Gemüse ist bei uns eher Nebensache“, erklärt Läpple-Held. „Im Vordergrund stehen die Begegnung und das gemeinschaftliche Tun von Bürgern aller Milieus und Kulturkreise – von Familien mit Kindern über Studenten, Berufstätige oder Senioren bis hin zu Migranten und Flüchtlingen.“
Das macht wohl auch den Reiz der Gemeinschaftsgärten aus – sie sind bunt und vielfältig, offen für jedermann, ein Ort des Austauschs und des Ausprobierens. Mehr als 500 solcher Initiativen gibt es mittlerweile in Deutschland, und sie sind so unterschiedlich, wie die Menschen, die dort mitgärtnern. Viele bauen Biogemüse an, manche halten sogar Bienen, vermehren Saatgut oder stellen Naturkosmetik her. Aber alle eint der Wunsch nach einem nachhaltigen, bewussten Lebensstil. Auch Birgit Läpple-Held, die hauptberuflich eine städtische Stabsstelle leitet, hat beim Unkrautjäten und Gießen im Gemeinschaftsgarten einen neuen Erfahrungsraum für sich entdeckt: „Diese Arbeit macht etwas mit dir. Sie erdet ungemein, und sie regt zum Nachdenken an. Darüber, wie viel Aufwand in Nahrungsmitteln steckt und wie viel Achtsamkeit wir der Natur entgegenbringen sollten.“
www.anstiftung.de
www.reset.org
www.stadtacker.net
Weitere Tausch- und Teilangebote im Internet:
www.frents.com
www.tausch-dich-fit.de
www.fairleihen.de
www.bambali.de

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