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Stark im Netz

Stark im Netz
Olga Pink/Shutterstock.com

Als unser Sohn zehn Jahre alt war, ist die digitale Welt auch bei uns zu Hause eingekehrt. Erst kam die Wii U, dann die Playstation, danach das Handy, nun das Smartphone. Seit der fünften Klasse besucht er eine Schule, die zehn Kilometer entfernt liegt. Er sollte für uns erreichbar sein, wir für ihn. Ein Jahr später war das alte Gerät, das wir ihm mitgegeben haben, nicht mehr cool genug: nur telefonieren, kein Internet, ohne Klassen-Chat – das „geht gar nicht“. Seine achtjährige Schwester zieht natürlich nach – nur spielt sie weniger, sondern quasselt mit ihren Freundinnen über WhatsApp. Doch wie viel Medienkonsum ist gut für unsere Kinder? Wie viel ist verträglich für die Familie? Und ist unser Nachwuchs überhaupt reif für die digitale Welt mit all ihren virtuellen Untiefen? Von Monika Mendat

Ein Blick auf aktuelle Studien bestätigt meinen persönlichen Eindruck: Kinder mit Smartphone, Tablet & Co. werden immer jünger. Die KIM-Studie (Kinder und Medien, Computer und Internet) vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest (mpfs, eine Kooperation der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg (LFK) und der Landeszentrale für Medien und Kommunikation Rheinland-Pfalz (LMK) mit dem Südwestrundfunk (SWR)) erhebt Daten zur Mediennutzung von Sechs- bis Dreizehnjährigen. Laut jüngster Studie haben 61 Prozent der Zehn- bis Elfjährigen ein Handy, 29 Prozent sogar schon ein Smartphone. Die Zwölf- bis Dreizehnjährigen besitzen bereits zu 83 Prozent ein Handy,  gut jeder Zweite schon ein Smartphone. 

Befragt man Teenager (JIM-Studie), ist das Bild dann wirklich eindeutig: 95 Prozent der Zwölf- bis Neunzehnjährige sind stolze Besitzer eines Smartphones – also so gut wie jeder. Spielekonsolen sind bei Jungen übrigens mehr als doppelt so häufig anzutreffen wie bei Mädchen. Die Teenager nutzen vor allem YouTube, Facebook, Instagram, Snapchat und Google, chatten über WhatsApp, schauen Serien und hören Musik.

Der Stellenwert der digitalen Medien ist also hoch, oft zum Leidwesen der Erziehungsberechtigten. Eltern kennen die Situation: Der Klassen-Chat will am Abend nicht mehr enden, Mütter und Väter degenerieren zur Spaßbremse, wenn sie eingreifen. Häufig haben die Kids das Gefühl, sie würden „sterben“, wenn sie sich ohne Handy verabreden oder einen Nachmittag frei von digitalem Konsum bei Opa oder Oma zubringen müssen. Ein Aufenthalt in einem Hotel ohne Free WLAN ist kaum vorstellbar.

Einige Kinder und Jugendliche machen weitaus schlimmere Erfahrungen: Cybermobbing und Cybergrooming (Anfeindungen oder sogar sexuelle Belästigungen im Internet) nehmen zu. Immerhin 14 Prozent der Sechs- bis  Dreizehnjährigen geben in der KIM-Studie an, im Netz bereits auf „Sachen gestoßen“ zu sein, „die ihnen unangenehm waren“, „für Kinder ungeeignet“ sind oder „ihnen Angst gemacht haben“. Dazu gehören auch Erotik- und Pornoseiten, Gewaltszenen und Gruselvideos. Bei den Zwölf- bis Neunzehnjährigen sagen 19 Prozent, also fast jeder. Fünfte, dass jemand schon einmal „falsche oder beleidigende Sachen“ über sie per Handy oder im Internet verbreitet hat.

Eltern sind gefordert
Nach Auffassung von Experten ist es wichtig, dass Eltern ihre Kinder von klein auf im Umgang mit den neuen Medien unterstützen, um die Medienkompetenz zu schulen, ganz nach dem Motto: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Das gilt auch für die digitale Expertise. Medienpädagogen wie Kristin Langer raten deshalb, dass Eltern ihre Kinder vor allem im Grundschulalter bei ihren ersten Erfahrungen mit Handy und Computer begleiten: „Da lernen nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern, die Bedürfnisse ihrer Kinder richtig einzuschätzen.“ Als Faustregel gelte: Handy und Spielekonsolen ab neun Jahren. Bei einem Smartphone sollte man den Internetzugang deaktivieren, denn die Kinder benötigen für den Umgang mit dem Internet Erfahrung. Tablets und Smartphones empfehlen Experten erst ab elf beziehungsweise zwölf Jahren. Computer sind aus Sicht von Medienpädagogin Langer schon früher erlaubt: „Sie können ab der Einschulung sinnvoll genutzt werden, zum Beispiel zum Lesen lernen. Wichtig ist auf alle Fälle die Begleitung durch Eltern.“

Langer rät auch, feste Regeln im Umgang mit Smartphone, Pad & Co. zu vereinbaren, nicht nur in Bezug auf Nutzungszeit, sondern auch auf Inhalte, Datenschutz und Kosten. „Kinder sollten an den Kosten beteiligt werden, sowohl bei der Anschaffung des Gerätes als auch bei der regelmäßigen Nutzung. So lernen sie nicht nur ihr Smartphone zu schätzen, sondern auch verantwortungsvoll damit umzugehen und es sinnvoll einzusetzen. Sie sind ja später eigenständige Nutzer, das vergessen viele Eltern.“

Am Anfang gilt die Devise: Wir erarbeiten, erspielen und erlernen Wissen gemeinsam – das schafft Sicherheit, minimiert die Risiken und schult die Medienkompetenz. Kinder müssen lernen, worauf sie im Netz aufpassen müssen und sensibel für Gefahren werden, beispielsweise bei der Nutzung von WhatsApp. „Jeder braucht es, aber keiner weiß, was dahinter steckt, etwa dass Daten oder Telefonnummern offengelegt werden und es eine Altersbegrenzung gibt. Das wissen Kinder häufig nicht und viele wollen das auch gar nicht“, erklärt Langer. Wichtig sei, Bescheid zu wissen, wenn man Messenger-Dienste nutzt: „Man muss sich auskennen und Wissen erwerben.“

Eltern sind sich aber häufig selbst unsicher. In diesem Fall helfen verschiedene Initiativen und Webseiten weiter. So können sie sich etwa im Internet bei „SCHAU HIN! Was Dein Kind mit Medien macht" (www.schau-hin.de) umsehen. Die Seite ist ein Projekt vom Bundes­ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, den beiden öffentlich-recht­lichen Sendern Das Erste und ZDF sowie der Programmzeitschrift TV SPIELFILM und entstand in Kooperation mit zahlreichen Organisationen. Sie gibt –  aufgeschlüsselt nach Themenbereichen wie TV & Film, Internet, soziale Netzwerke, Games und mobile Geräte – Orientierung in der digitalen Welt und praktische Tipps im Alltag. Eltern können Fragen an den Mediencoach stellen, erhalten altersgerechte Ratgeber zum Medienkonsum, ein Training, einen Medienpass und weiterführende Links zu den Themen.

Allgemeine Informationen
www.klick-tipps.net
redaktionell gepflegter Empfehlungsdienst für Kinderseiten
www.handysektor.de
werbefrei, unterstützt Jugendliche beim kompetenten Umgang mit mobilen Medien
Android App Menthal
Kostenlose App, die die tägliche Nutzungsdauer des Handys, die am häufigsten verwendeten Anwendungen und Informationen zum Telefonierverhalten zeigt.  

Informationen für Eltern
www.mpfs.de/infoset-medienkompetenz/
Infoset Medienkompetenz mpfs
„10 Fragen – 10 Antworten" zur Medienkompetenz, PDF-Hefte zu verschiedenen Themen wie „Online-Nutzung“, „Internet“,  „Handys, Smartphones, Apps“.   

Suchmaschinen und Webseiten für Kinder
www.blinde-kuh.de
www.fragfinn.de
www.helles-koepfchen.de (ab zehn Jahren)
www.seitenstark.de
www.internet-abc.de
www.internauten.de

Wie viel Medienkonsum ist zu viel?
Die EU-Initiative klicksafe.de bietet eine Checkliste, die Eltern erste Anhaltspunkte geben kann. Wenn drei oder mehr Merkmale zutreffen, sollten Eltern reagieren und gegebenenfalls professionelle Hilfe suchen.
• die Gedanken des Kindes kreisen auch bei anderen Beschäftigungen ständig um Medien
• das Kind spielt oder surft bis tief in die Nacht
• dem Kind fällt es schwer, die Zeit vor dem Bildschirm zu begrenzen
• das Kind reagiert gereizt, wenn es auf Computer/Internet/Spielekonsole verzichten muss
• es zieht sich immer mehr von Familie und Freunden zurück
• die Internetnutzung verdrängt andere Interessen und Hobbys
• die Leistungen in der Schule haben sich deutlich verschlechtert
• das Kind verzichtet auf Mahlzeiten, um am Computer zu bleiben
• es hat stark ab- oder zugenommen und wirkt über­müdet
• das Kind reagiert Gefühle wie Ärger oder Frust mit Computerspielen ab
Quelle:
www.schau-hin.info/extrathemen/medienzeiten.html

 

Kristin LangerNachgefragt bei Kristin Langer, Medienpädagogin

Kristin Langer ist Medienpädagogin, Mutter einer Tochter und hat langjährige Erfahrungen im Bereich der Elternmedienarbeit. Als freie Dozentin arbeitet sie in der Erwachsenen- und Lehrerfortbildung, ist Referentin für die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen sowie freie Mitarbeiterin beim Deutschen Kinder- und Jugendfilmzentrum. Kristin Langer ist Mediencoach bei SCHAU HIN!, einem Medienratgeber für Familien, und beantwortet dort Elternanfragen zur Mediennutzung: www.schau-hin.info/service/mediencoach.html

Brauchen Kinder im Alter von sechs bis elf Jahren überhaupt ein Smartphone?
Eigentlich nicht. Besser ist ein Familiengerät, zum Beispiel ein PC oder Tablet, da müssen sich alle organisieren, was die Nutzungszeiten angeht, und man muss mit den anderen Familienmitgliedern Absprachen treffen und sich daran halten. So limitiert sich automatisch die Nutzungszeit.

Worauf sollte man bei der Nutzung (mit Internet) achten?
Wichtig ist nicht, mit welchem Gerät Kinder Inhalte abrufen, sondern dass es sich um kindgerechte Inhalte handelt und diese über einen Kinder-Browser aufgerufen werden. Am besten ist es, einen sicheren Kinder-Surfraum zu schaffen mit einer kindgerechten Benutzeroberfläche, speziell im Grundschulalter. Bei Kindersuchmaschinen werden interessante und unbedenkliche Seiten redaktionell aufgelistet und regelmäßig geprüft; Werbeinhalte und Kostenfallen sind somit ausgeschlossen (siehe auch https://eltern.fragfinn.de/eltern). Wenn Eltern bei herkömmlichen Suchmaschinen einen Kindermodus einstellen, am Gerät eine Jugendschutzfunktion aktivieren und am PC für jedes Familienmitglied ein persönliches, altersgerechtes Benutzerkonto anlegen, schafft dies Sicherheit. Auch Zeiteinteilungen können für ein Konto eingestellt werden. Wichtig ist: Es muss zum Alter und den Interessen des Kindes passen.

Wie verändert sich das Verhalten mit zunehmendem Alter?
Im Teenager-Alter, also zwischen elf und dreizehn Jahren etwa, ändert sich Experimentierfreude in bewusstere Nutzung. Da gibt es zudem entwicklungsbedingt stärkeren Einfluss von Klassenkameraden – manchmal auch schlechten. Aber in diesem Alter übernehmen die Kinder einiges an Verantwortung, haben in der Regel mehr Routine und kennen häufig bereits Sicherheitsregeln. Teenager werden zu Kommunikations-Allroundern und nutzen das Smartphone, um ihren Alltag zu organisieren.

Welche Zeitkontingente sind für die unterschiedlichen Altersgruppen zu empfehlen?
Für die Sieben- bis Achtjährigen gilt bei der Nutzung von Handy und Smartphone (ohne Internet) 30 Minuten pro Tag. Es hängt davon ab, ob die Kinder dabei ent- oder anspannen. Für die Neun- und Zehnjährigen empfehlen wir 45 Minuten bis eine Stunde pro Tag. Bei den Teenagern etwa neun Stunden pro Woche. Großzügig können Eltern sein, wenn es um kurze Organisationsmeldungen geht und das Gerät dann wieder ungenutzt bleibt. Für Absprachen, die Eltern treffen, ist es wichtig, Mediennutzung in der Schule zu berücksichtigen, inzwischen gibt es etwa Tablet-Klassen, wo auf Basis der Geräte gelernt wird.

Dürfen /sollen Eltern ihre Kinder kontrollieren, beispielsweise bei der Internetnutzung oder im  Klassen-Chat?
Die  Initiative SCHAU HIN! rät Eltern, Vertrauen aufzubauen und das als Grundlage für die Medienerziehung zu nutzen. Technische Hilfsmittel können unterstützen. So kann das Internet beispielsweise durch Zeiteinstellungen geregelt werden, wenn Eltern nicht da sind oder Kinder kein Ende finden. In der Regel funktionieren vertrauensvolle Absprachen.

Wie kann ich erkennen, dass mein Kind Probleme bei der Nutzung hat (z. B. Cyber­mobbing)?
Grundsätzlich zeigen sich häufig starke Verhaltensänderungen: Kinder ziehen sich zurück, wollen alleine sein, sich nicht mehr mit Freunden treffen oder haben Wutanfälle, verschlechtern sich rapide in der Schule oder haben psychosomatische Beschwerden. Zudem reagieren Kinder unverhältnismäßig heftig, wenn jemand ihr Smartphone in die Hand nimmt, also haben sie Angst davor, dass etwas entdeckt wird. Wichtig ist, dass Regeln vereinbart werden für den respektvollen Umgang im Netz. Das setzt gegenseitiges Vertrauen – zwischen Eltern und Kindern – voraus. Sind Kinder betroffen, sollten die verantwortlichen Nutzer dazu bewegt werden, die Inhalte zu entfernen. Löschen die Täter die Inhalte nicht freiwillig, können Eltern dies vom Betreiber fordern, dessen Kontaktdaten über den Hilfebereich, das Impressum oder die Nutzungsbedingungen zu finden sind. Bei schweren Verstößen müssen rechtliche Schritte eingeleitet werden.

Wo können sich Eltern und Kinder beraten lassen, wenn es Probleme gibt oder wenn sie Informationen suchen?
Beratung und Informationen bietet SCHAU HIN! für Eltern zu allen Bereichen digitaler Medien. Auf einen Blick sind aktuelle Themen und Tipps nach Altersgruppen zu finden.  Informationen zum Handy und Smartphone speziell für Jugendliche stellt die Seite handysektor.de zur Verfügung und für alle Fragen rund ums Internet klicksafe.de. Bei Problemen können Eltern mir als Mediencoach eine E-Mail schreiben. Auf SCHAU HIN! finden sie zudem Hinweise zu Beratungsstellen in ihrer Nähe.

Ab wann wird Medienkonsum gesundheitsgefährdend? Wie lassen sich beispielsweise Suchterscheinungen in Bezug auf Spiele oder Internet feststellen?
Viele Eltern sind schnell besorgt. In der Regel handelt es sich bei verstärkter Nutzung um eine phasenweise Faszination, die nach einiger Zeit und/oder mit zunehmendem Alter nachlässt. Übermäßige Mediennutzung kann oft  ein Hinweis sein, dass es in anderen Bereichen – mit Freunden oder in der Schule – nicht rund läuft. Für Suchtverhalten gibt es Warnsignale. Wir halten für Eltern Informationen und eine Checkliste bereit:
www.schau-hin.info/news/artikel/mediensucht-was-steckt-dahinter.html
www.schau-hin.info/extrathemen/medienzeiten.html

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