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Risiko Scheidung

Risiko Scheidung
Leon Rafael/Shutterstock.com

Wenn sich Partner zur Trennung und/oder Scheidung entschließen, geht das an keinem spurlos vorüber. Doch das Ende einer langjährigen Beziehung zieht nicht nur emotionale Konflikte nach sich, sondern auch materielle. Seit 2007 analysiert das Hamburger Institut für Finanzleistungen (iff) die Überschuldungssituation­ in Deutschland und gibt in Zusammenarbeit mit der Stiftung „Deutschland im Plus“ jährlich einen Überschuldungsreport heraus. Darin wird „Trennung und Scheidung“ als ein häufiger Grund für eine problematische finanzielle Situation identifiziert: Von 2007 bis 2014 steht dieser Faktor konstant hinter Arbeitslosigkeit an zweiter Stelle auf der Liste der Überschuldungsauslöser. Aber warum birgt das Ende einer Ehe ein so hohes finanzielles Risiko? ImPlus hat bei der Familienanwältin und Buchautorin Andrea Peyerl nachgefragt. Sie erklärt, warum man sich an einen Tisch setzen sollte – auch wenn man nicht mehr unter einem Dach lebt. Von Katharina Maier

Frau Peyerl, der iff-Überschuldungsreport 2014 spricht vom „hohen finanziellen Krisenpotenzial der Auflösung der Familie“. Was steckt Ihrer Erfahrung nach dahinter? Warum gehen Scheidung und Trennung so ins Geld?
Man muss sich Folgendes vorstellen: Das Einkommen, das vorher eine Familie unterhalten hat, die unter einem Dach lebte, muss jetzt für zwei Haushalte reichen. Oder anders ausgedrückt: Anstatt in einem Topf landet dieselbe Menge Geld von nun an in zwei Töpfen. Zum Beispiel muss zweimal Miete samt Nebenkosten gezahlt werden, und auch bei Einkäufen kann nicht mehr so gewirtschaftet werden wie zuvor. Der Unterschied zur gewohnten Lebenssituation ist groß. Dazu kommen Unterhaltsansprüche, die Auflösung des gemeinsamen Besitzes, Anwaltsgebühren, im ungünstigsten Fall auch Gerichtskosten. Außerdem gehen mit der Scheidung gesetzlich geregelte Zahlungen wie Zugewinnausgleich und Vermögensauseinandersetzung einher. Für Letzteres ist das klassische Beispiel gemeinsames Wohneigentum, also ein Haus oder eine Wohnung: Beide Partner sind zur Hälfte Miteigentümer und einer möchte gerne im Haus bleiben, oft auch der Kinder zuliebe. Dieser Partner muss den anderen ausbezahlen. Das ist natürlich eine finanzielle Herausforderung. Wenn das Haus noch belastet ist, muss der Bleibende außerdem die bestehenden Schulden übernehmen. Gesetzliche Verpflichtungen können also weitere finanzielle Engpässe bedeuten. Aber der Unterschied bei den alltäglichen Kosten, der sich mit der Trennung ergibt, darf keinesfalls unterschätzt werden.

Gibt es denn in dieser Hinsicht große Unterschiede zwischen verheirateten und unverheirateten Paaren?
Bei unverheirateten Paaren fallen in der Regel Dinge wie Vermögensauseinandersetzung und Zugewinnausgleich weg. Genauso wenig gibt es einen Versorgungsausgleich im Hinblick auf die unterschiedlich hohen Beiträge der Ehepartner zur Altersvorsorge. Bei Verheirateten müssen in diesem Fall Ausgleichszahlungen für denjenigen Partner geleistet werden, der während der Ehe keine oder nur sehr wenige Beiträge zur Altersvorsorge leisten konnte. Bei unverheirateten Paaren geht es dagegen primär um den Kindesunterhalt, denn Kinder aus ehelichen und un­ehelichen Verbindungen sind rechtlich gleichgestellt. Auch der Unterhalt für die Mutter muss entsprechend der gesetzlichen Vorgaben geleistet werden. Der nicht-eheliche Bereich ist aber viel weniger stark gesetzlich geregelt als der eheliche. Das ist ja auch so gewünscht.

Können sich Verheiratete denn schon im Voraus absichern?
Ganz zu Beginn können sie natürlich einen Ehevertrag miteinander abschließen. Das geht übrigens auch jederzeit während der Ehe. Üblicherweise geschieht es aber vor der Eheschließung. In diesem Vertrag wird alles Finanzielle schon im Voraus geregelt. Viele lehnen das aber ab, weil sie finden, ein solcher Vertrag passe nicht zu ihrer romantischen Vorstellung von einer Hochzeit. Oder sie sagen: „Wir wollen erst einmal davon ausgehen, dass unsere Ehe fürs Leben hält.“ Da ist die rosarote Brille am Werk! Aber letztendlich ist die Sache mit dem Ehevertrag nur eine Konsensfrage. Warum nicht sagen: „Wir gehen davon aus, dass unsere Beziehung hält, aber für den Fall der Fälle lassen wir die finanzielle Seite vertraglich regeln“? Da kann man sich einiges an Ärger ersparen.

Was genau ist eigentlich rechtlich unter den Begriffen „Trennung“ und „Scheidung“ zu verstehen?
Während der Trennung besteht die Ehe noch. Die Partner leben nur voneinander getrennt. Die Scheidung ist die rechtliche Beendigung der Ehe. Solange die Scheidung noch nicht ausgesprochen, der Scheidungsbeschluss nicht rechtskräftig ist, lebt das Paar getrennt, also auch während des gesamten Scheidungsverfahrens.

Gibt es denn in den einzelnen Phasen des Trennungsprozesses unterschiedliche Dinge zu beachten?
Mit die wichtigste Phase ist der Beginn der Trennung, denn man kann Unterhalt nicht für die Vergangenheit geltend machen. Das heißt: Ich bekomme Unterhalt erst, wenn ich ihn verlange. Ein Beispiel: Ich trenne mich im April von meinem Partner, gehe aber erst im Juli zum Anwalt. Dann bekomme ich auch erst ab Juli meine Unterhaltszahlungen; die Monate April, Mai und Juni sind weg. Eine Reihe von Ansprüchen muss man aktiv geltend machen. Man bekommt diese Dinge nicht automatisch. Gerade beim Kindes- und Ehegattenunterhalt ist dieser Aspekt extrem wichtig. Vom Sinn des Gesetzes her bedeutet Unterhalt: Geld, das ich brauche, um meinen Lebensbedarf abzudecken. Wenn ich mich aber ein halbes Jahr lang nicht darum kümmere, dass ich diesen Unterhalt bekomme, heißt das ja im Umkehrschluss: Ich kann mit meinem eigenen Einkommen meinen Lebensbedarf abdecken. Schließlich bin ich ein halbes Jahr lang ohne zusätzliche Zahlungen zurechtgekommen.
Oder kehren wir zu unserem Beispiel mit dem Haus zurück: Bleibt die Ehefrau in der Immobilie, während der Mann auszieht, hat er Anspruch auf eine Nutzungsentschädigung. Schließlich nutzt der bleibende Partner das Eigentum des anderen mit. Macht der Mann aber seine Ansprüche nicht geltend, weil er sich gar nicht beraten lässt, dann bekommt er das Geld auch nicht rückwirkend ab Zeitpunkt des Auszuges.
All dies sind zentrale finanzielle Aspekte. Ich empfehle also, sich direkt nach der Trennung anwaltlich beraten zu lassen. Ob man seine Ansprüche dann wirklich geltend machen möchte oder nicht, das kann jeder für sich selbst entscheiden. Aber zu wissen, welche Ansprüche es gibt und andersherum, welche Verpflichtungen man hat und sich darüber zu informieren, das ist wichtig.

Was sollte man unbedingt vermeiden?
Selbstständig irgendwelche Vereinbarungen treffen, ohne dass man die Konsequenzen kennt. Denn dann kann es schnell passieren, dass man aus diesen Festlegungen hinterher nicht mehr herauskommt. Hat ein Paar gemeinsamen Ersparnisse, erlebe ich oft Folgendes: Die Eheleute meinen: „Ach, wir teilen unser Geld untereinander auf; wenn wir das über Anwälte machen, kostet das ja nur.“
Sagen wir also, es sind 10.000 € an gemeinsam Gespartem vorhanden und die Ehepartner teilen das Geld bei der Trennung fifty-fifty auf. Das Trennungsjahr vergeht und der Scheidungsantrag wird zugestellt. Dies ist der Stichtag für die Auseinandersetzung des Vermögens und beide Parteien müssen ihr Vermögen offenlegen. Nun hat der eine Ehepartner seine 5.000 € gespart, der andere hat sie dagegen ausgegeben. Doch erst jetzt, zu diesem Stichtag, wird der Zugewinnausgleich gerechnet. Das Ergebnis ist, dass derjenige, der gespart hat, seine 5.000 € noch einmal mit dem anderen teilen muss. Denn es wurde anlässlich der ursprünglichen Teilung nicht notariell festgelegt, dass damit alle Ansprüche abgegolten sind.
Was ich damit veranschaulichen will: Wenn man Vereinbarungen trifft, dann sollte man sie zumindest überprüfen lassen, bevor man etwas unterschreibt oder das Vermögen aufteilt. Aus nachvollziehbaren Gründen wird dies aber oft unterlassen, um Anwaltsgebühren zu sparen. In dieser Hinsicht sind sich beide Parteien oft wieder sehr einig. Aber solche Sparsamkeit kann Kosten nach sich ziehen, mit denen man gar nicht rechnet.

Kann man also sagen, dass man auf lange Sicht sogar Geld spart, wenn man sich von Anfang an beraten lässt?
Am Anfang halten sich die Anwaltskos­ten sogar in Grenzen. Es gibt die sogenannte Erstberatungsgebühr, die bei 190 € plus Mehrwertsteuer liegt und gesetzlich geregelt ist. Das ist wirklich gut angelegtes Geld, und auch für den weiteren Umgang mit dem Partner und eventuell mit den Kindern ist eine anwaltliche Beratung wichtig. Unwissenheit kann eine Ablehnungshaltung auslösen und dann ist Streit vorprogrammiert. Man sollte aber unbedingt einen Spezialisten konsultieren, also einen Fachanwalt für Familienrecht. Aus meiner Sicht ist es in diesem Fall nicht günstig, zu einem Anwalt zu gehen, der alles macht, und sozusagen ein bisschen von jedem Recht beherrscht. Vielmehr ist es sinnvoll, sich an jemanden zu wenden, der sich sehr gut in der Materie auskennt. Dafür sind Fachanwaltschaften ja schließlich da. Es handelt sich dabei übrigens um eine zusätzliche Ausbildung, inklusive Nachweis praktischer Erfahrung. Egal, wo man wohnt, man wird in der Nähe einen solchen Fachanwalt für Familienrecht finden. Und wenn die Anwälte beider Seiten wissen, wovon sie reden, dann spart das Zeit und Geld.
Eine Trennung zieht auch steigende Alltagskosten nach sich. Sie haben schon auf die Belastung durch die plötzliche Versorgung zweier getrennter Haushalte hingewiesen. Können Sie unseren Lesern einen Tipp geben, worauf man in dieser Hinsicht besonders achten sollte?
Diese Phase der Veränderung ist an und für sich schwierig. Beide Partner müssen sich Gedanken machen: Wie geht es jetzt überhaupt weiter – in meinem Leben, in unserem Leben? Oft gestaltet sich das Getrennt-Leben unter einem Dach als sehr schwierig. Aber in dieser Situation eine neue Wohnung zu suchen, ist auch nicht einfach. Wenn Kinder da sind, kann man zudem nicht unbedingt sagen: „Ich mache es jetzt ganz sparsam und nehme mir nur ein möbliertes Zimmer.“ Denn eine solche Wohnumgebung würde den Umgangskontakt mit den Kindern einschränken; Kinder sollen bei beiden Eltern kindgerecht wohnen können.
Meine Empfehlung: Die Ehepartner soll­ten sich an einen Tisch setzen, gegebenenfalls zusammen mit ihren Anwälten. Es geht darum, von Beginn an zu überlegen: Wie gestalten wir die Trennung und unser neues Leben? Das sollte gemeinsam geschehen, auch wenn es im ehelichen Sinne nicht mehr gemeinsam weitergeht.
Zur Veranschaulichung kehre ich wieder zu meinem Beispiel mit dem gemeinsamen Haus zurück: Die Frau möchte mit den Kindern im Haus bleiben, der Mann zieht aus und nimmt sich eine Wohnung. Doch nach wenigen Monaten stellt sich heraus, dass die Frau das Haus und die damit verbundenen Kos­ten gar nicht alleine stemmen kann. Der Mann zieht also zurück und gibt die neue Wohnung auf. Dabei fallen völlig umsonst eine Unmenge an Kosten an: Maklergebühren, Renovierungskosten, mehrere Monate Miete, zweifache Umzugskosten usw. So etwas lässt sich durch vorherige Planung vermeiden. Wenn man sich einen Überblick über die finanzielle Situation verschafft und erkennt, dass einer allein das Haus gar nicht halten kann, kann man von Anfang an nach alternativen Lösungen suchen. Die Ehepartner sollten sich also zusammensetzen und sich gemeinsam die Frage stellen: Wie soll und kann es in Zukunft weitergehen? Wer nutzt die gemeinsame Wohnung? Sollte sie vielleicht verkauft werden? Wie lange laufen noch Darlehensverträge? – All das sollte man zusammen und im Voraus klären und bedenken.

Ist es Ihrer Erfahrung nach denn überhaupt möglich, sich in der Trennungssituation mit dem Noch-Partner an einen Tisch zu setzen?
Absolut. Auf alle Fälle sollte man das vermeiden, was ich „Blindes Agieren“ nenne: aus Racheimpulsen heraus handeln und versuchen, dem anderen zu schaden. Denn so etwas treibt oft alle Beteiligten, inklusive der Kinder, vor Gericht. Und das kostet dann richtig Geld. Der günstigste und für alle Beteiligten nervenschonendste Weg ist folgender: Einer der Partner unterbreitet einen Vorschlag, der gemeinsam besprochen wird und letztendlich zu einer sogenannten Trennungs- und Scheidungsfolgenvereinbarung führt. Das heißt, die Konsequenzen des Auseinandergehens werden in einer vertraglichen Vereinbarung festgehalten. Darin werden zum Beispiel Unterhaltsfragen geregelt, der Umgang mit vorhandenen Schulden und/oder gemeinsamem Vermögen festgelegt, aber auch Vereinbarungen im Hinblick auf die Kinder getroffen. Bestenfalls liegt dieses Dokument dann bis Ablauf des Trennungsjahres in der Schublade und wird gar nicht gebraucht. Der Gang zum Scheidungsrichter und das Scheidungsverfahren an sich sind dann nur noch Formsache.
Zusammengefasst: Was ist Ihrer Meinung nach das Wichtigste, das man während des Trennungsprozesses beachten sollte?
Zunächst einmal die Bereitschaft zu einer einvernehmlichen Lösung. Aber auch die Einsicht: „Das schaffen wir ohne anwaltliche Hilfe nicht.“ Schließlich muss man das, was man regeln will, auch in eine rechtliche Form bringen. Das Dritte ist Kompromissbereitschaft. Man kann nicht auf der einen Seite eine Einigung anstreben und auf der anderen versuchen, das Maximale durchzusetzen. Das funktioniert nicht. Jeder sollte bereit sein, von seiner Maximalposition abzuweichen. Bei einer Scheidung müssen Dinge geteilt werden, und das setzt voraus, dass beide ein Stück weit Federn lassen. Das Ziel sollte ein faires Endergebnis sein, mit dem beide leben können.

Andrea Peyerl

Andrea Peyerl ist seit 1996 als Fachanwältin für Familienrecht tätig. Sie leitet eine Kanzlei in Kronberg im Taunus und hat für die Reihe „Beck Rechtsratgeber“ mehrere Bücher zum Thema verfasst. Ihr besonderes Augenmerk liegt dabei auf Scheidungsvereinbarungen, Unterhaltsfragen und Vermögensaufteilung. „Gerade die Aufteilung des vorhandenen Vermögens unterliegt sehr oft der Fehleinschätzung, alles werde einfach geteilt“, schreibt sie. Andrea Peyerl ist außerdem Verfasserin zahlreicher Artikel in der Wirtschaftspresse und oft zitierte Expertin in renommierten Zeitschriften und Magazinen.

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