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Das Magazin für Leben und Geld

Lust auf Lernen

Nathalie Schober mit Tochter

Rainer Kwiotek/Zeitenspiegel

Fast die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland nimmt an Weiter­bildungen teil – so viele wie nie zuvor. Durch den rasanten Wandel unserer Lebens- und Arbeitswelt wird das Lernen zum lebenslangen Begleiter. Und dank vielfältiger Bildungs- und Förderangebote kann jeder seine Talente entfalten und gegebenenfalls seine wirtschaftliche Situation verbessern – man muss nur wollen. Von Gundula Englisch 

Klare Zukunftspläne und Karriereziele hatte die fröhliche 18-jährige Schülerin Nathalie Schober nicht. Das Gymnasium war ihr eher leichtgefallen, das Abi stand kurz bevor – und danach? Erstmal weg. Wenn nicht jetzt, wann dann? „Ich hatte die vage Idee, ins Ausland zu gehen, vielleicht mit einem ‚Work & Travel-Programm’. Oder einmal quer durch Indien reisen. Hauptsache Spaß haben.“ Doch von einem Tag auf den anderen waren diese Zukunftsträume gestrichen. Denn kurz vor der ersten schriftlichen Prüfung erfährt die junge Frau, dass sie schwanger ist. Von ihrem Freund hatte sie sich gerade getrennt, erzählt sie. „Das war natürlich ein Schock, für meine Eltern noch mehr, als für mich. Denn ich habe mich trotzdem auf das Kind gefreut.“ Die Schule wollte sie dennoch abschließen. Die schwangere Nathalie konzentrierte sich also erstmal aufs Abitur, bestand mit guten Noten und wollte dann in eine eigene Wohnung ziehen, noch vor der Geburt des Kindes. Ihre Eltern unterstützten sie, und Marcia wurde geboren. Zwischen Wickeltisch und Kinderkrippe machte sich Nathalie Schober zum erstenmal ernsthafte Gedanken über ihre Zukunft und fragte sich, welche Talente und Fähigkeiten in ihr steckten: „Immer nur mit anderen Müttern über Windeln und Dinkelkekse reden, das war mir zu wenig. Ich beschloss, Wirtschaftswissenschaft zu studieren.“ Um möglichst viel Zeit für ihr Kind zu haben, das gerade erst ein Jahr alt war, entschied sie sich für ein Fernstudium. Sie fand einen liebevoll geführten Kindergarten, brachte ihre Kleine morgens hin und setzte sich ins Café nebenan, um zu büffeln. Na­thalies Nachmittage gehörten der kleinen Marcia, die Nächte wiederum dem Studium. Wenn Prüfungen anstanden, setzte sich die 19-Jährige nachts um drei ins Auto, fuhr nach München oder Düsseldorf und abends zurück nach Weinstadt bei Stuttgart, um das Kind bei ihren Eltern abzuholen. „Man braucht schon extrem viel Selbstdisziplin und Eigenmotivation, um das durchzuhalten“, meint die junge Frau rückblickend. „Aber ich wollte das Studium unbedingt in der Regelstudienzeit schaffen und meinen Lebensunterhalt endlich selbst verdienen.“ Heute leitet Nathalie Schober das Controlling im Familienbetrieb ihrer Eltern. Mit dem Dazulernen hat sie nicht aufgehört. Gerade absolvierte sie einen Programmierkurs an der Volkshochschule und nun poliert sie dort ihr Businessenglisch auf. „Als ich mein Diplom in der Tasche hatte, wollte ich nie mehr im Leben Prüfungsstress haben“, sagt Nathalie und lächelt, „aber auf dem Wissen von gestern kann sich niemand mehr ausruhen, dafür verändern sich die Technologien und das Geschäftsumfeld einfach zu schnell.“

Lebenslanges Lernen

„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr.“ Dieser Spruch hat längst seine Gültigkeit verloren. Eine einzelne Ausbildung zu Beginn des Berufslebens reicht kaum mehr als tragfähige Basis bis zum Renteneintritt. Um dem rasanten Wandel im Umfeld des Jobs gewachsen zu sein, wird das Lernen für viele Menschen ein lebenslanger Begleiter. Erfahrungen sammeln ist gut, aber so manches Wissen veraltet. Und die Ansprüche am Arbeitsplatz steigen. Hinzu kommt, dass unsere Lebensläufe von Brüchen und Wendungen geprägt sind. Plötzlicher Jobverlust beispielsweise oder Elternzeit. Wer Lust am Lernen hat, kann solche Turbulenzen meistern. Das hat sich in der Bevölkerung inzwischen herumgesprochen. Laut einer Befragung der Deutschen Universität für Weiterbildung ist mehr als die Hälfte der Deutschen überzeugt, dass es in ihrem Beruf ohne Lernen nicht mehr geht. Auch die Statistik des Adult Education Survey zielt in diese Richtung. Für 2012 ermittelte sie eine bundesweite Teilnahmequote an Weiterbildungsmaßnahmen von fast 50 Prozent. Hochgerechnet sind das mehr als 24 Millionen Menschen zwischen 18 und 64 Jahren – so viele wie nie zuvor.
Die meisten Erwachsenen bilden sich in Kursen weiter, die von ihrem Arbeitgeber angeboten, empfohlen oder sogar angeordnet werden. Viele entscheiden sich aber auch aus freien Stücken für eine Weiterbildung, sei es aus beruflichen Gründen oder aus persönlichem Interesse.
An Angeboten für Erwachsenenbildung mangelt es hierzulande nicht. Die Suchmaschine des Deutschen Bildungsservers für Weiterbildungsangebote listet fast zwei Millionen Kurse auf – vom eintägigen Workshop bis zum mehrjährigen Studium. Der breit gefächerte Weiterbildungsmarkt bietet Lernstoff für jeden Geschmack, jedes Bedürfnis und jedes Bildungsniveau. Wer seine Englischkenntnisse ein wenig aufpolieren möchte, wird ebenso fündig, wie Schulabbrecher auf der Suche nach einem soliden Bildungsabschluss. Weiterbildung ist eben weder ein elitäres Spielfeld für ambitionierte Karrieristen, noch ein trübes Sammelbecken für die Verlierer der Arbeitswelt. Ernsthaftes Interesse vorausgesetzt, können alle davon profitieren. Auch solche, die ihre persönliche Bildungsbiografie quasi noch einmal bei Null starten müssen.

Zuhair Suleiman

Uli Reinhardt/Zeitenspiegel

Neustart mit Hindernissen

Siba Zuhair Salim war 23 Jahre alt, als sie und ihre Familie aus dem Irak fliehen mussten. Die Studentin aus Bagdad stand kurz vor dem Abschluss ihres IT-Studiums, doch die lebensbedrohlichen Repressalien des Regimes gegen ihre systemkritische und katholische Mutter erlaubten keinen Aufschub. In Deutschland beantragte die Familie politisches Asyl und verbrachte ein Jahr im Asylantenheim. „Das war eine sehr harte Zeit. Auf engstem Raum mit vielen anderen Menschen und keiner Chance, in Ruhe zu lernen“, erinnert sich Zuhair Salim. Um wenigstens ein bisschen Deutsch zu lernen, freundete sie sich mit den Erzieherinnen im angegliederten Kindergarten an und vertiefte sich in Kinderbücher. Als der Asylantrag endlich gewährt wurde, beantragte die junge Frau sofort ein Stipendium für einen Deutschkurs bei der Otto-Benecke-Stiftung – einer Organisation, die sich für die Aus- und Weiterbildung junger Migranten engagiert. Zuhair Salim erlernte die Grundlagen der deutschen Sprache, doch ihr im Irak begonnenes Studium durfte sie in Deutschland nicht fortsetzen. Weder wurde ihr Abitur in Deutschland anerkannt, noch ihre Studienzeit. Also absolvierte die junge Frau ein freiwilliges soziales Jahr in einem Krankenhaus, schrieb 70 Bewerbungsschreiben für einen Ausbildungsplatz – und bekam nur Absagen. Gelegentlich jobbte sie als Putzfrau, Küchenhilfe im Restaurant oder Kassiererin. „Ich war mir für diese Arbeit nicht zu schade, aber mir war klar, dass ich mit meinem Bildungshintergrund auf eine Chance wartete, einen Schritt weiterzugehen“, erzählt die heute 37-Jährige. Ermutigt von ihrer Betreuerin bei der Arbeitsagentur entschied sie sich für eine Ausbildung zur Erzieherin. Dort absolviert sie jetzt einen Vorbereitungslehrgang für die Prüfung als staatlich anerkannte Erzieherin. Leicht ist es für die Mutter zweier Kinder nicht, neben Haushalt und Familie auch noch das tägliche Lernpensum zu bewältigen. Doch Zuhair Salim ist fest entschlossen durchzuhalten: „Nichts ist einfach im Leben, ich weiß, wovon ich rede. Ich musste viele Hindernisse überwinden. Aber wenn man sich mit allen Kräften bemüht, hat man auch als Ausländer eine gute Chance auf Bildung und Arbeit.“

Lernen macht glücklich

Die künftige Erzieherin bezahlt ihre Ausbildung überwiegend aus eigener Tasche. Doch am Geld sollte die Lust am Lernen hierzulande nicht scheitern. Bund und Länder bieten eine breite Auswahl an Fördermöglichkeiten für fast jeden Bürger: vom Bildungsgutschein für Arbeitslose über Beihilfen für Geringqualifizierte oder ältere Arbeitnehmer, Meister-Bafög für Handwerker und Bildungsprämien für Arbeitnehmer bis hin zu steuerlich absetzbaren Bildungspauschalen für jedermann. Wer sich weiterbilden möchte, sollte dennoch einen Eigenanteil an den Kosten mit einkalkulieren. Doch diese Investition verspricht Gewinn. Laut einer Studie der IHK gaben 70 Prozent der Befragten an, nach einer Weiterbildungsmaßnahme beruflich aufgestiegen zu sein und weitere 70 Prozent erzielten finanzielle Verbesserungen.
Weiterbildung hat aber auch mit persönlicher Entfaltung, mit Wohlbefinden und Glück zu tun. Wissenschaftlich ist sogar bewiesen, dass das Gehirn befriedigte Neugier und gelöste Problemstellungen mit Glücksgefühlen belohnt. Kein Wunder, dass laut einer EMNID-­Umfrage 40 Prozent der Befragten angaben, dass sie sich besonders wohlfühlen, wenn sie immer wieder Neues lernen können.
Damit bekommt auch der Begriff vom lebenslangen Lernen eine neue Qualität. Er umfasst weit mehr als den formalen Wissenserwerb innerhalb von Kursen, Seminaren oder Lehrgängen. Ob im Ehrenamt, in Selbsthilfegruppen, beim Hobby oder in Online-Communities – in unserem Lebensumfeld finden sich unzählige Bühnen für die Entfaltung der eigenen Talente und die persönliche Weiterentwicklung.

Willi Daniels

Sascha Montag/Zeitenspiegel

Talente entdecken

Am Anfang neuer Lernerfahrungen steht nicht unbedingt eine professionelle Beratung bei den Volkshochschulen, Arbeitsagenturen oder Berufsverbänden. Der erste und wichtigste Schritt geht zurück zu jedem selbst und zur zentralen Frage: Was will ich eigentlich? Was möchte ich noch lernen und können? Und wer oder was kann ich eigentlich noch sein?
Solche Fragen stellten sich für den Münchner Willi Daniels eines Tages plötzlich völlig neu. In der Silvesternacht blies er einen Luftballon auf, kippte auf der Stelle um und erwachte erst im Krankenhaus wieder. Diagnose: Schlaganfall. Der damals 49-Jährige musste mühsam wieder lernen, was vorher selbstverständlich war: sprechen, gehen, greifen, am Computer arbeiten. Nach knapp einem Jahr war Daniels gesundheitlich wieder einigermaßen stabil, aber nicht mehr fit genug für seinen Job bei einer gesetzlichen Krankenkasse. Untätig herumsitzen wollte er aber auf keinen Fall: „Das wäre Gift für mich gewesen. Also beschloss ich, Experte in eigener Sache zu werden.“ Daniels saugte alles auf, was er im Internet zum Thema Schlaganfall finden konnte. Er nahm Kontakt mit der Deutschen Schlaganfall-Stiftung auf und gründete in seinem Heimatlandkreis Ebersberg in Oberbayern die erste Schlaganfall-Selbsthilfegruppe. Schon bald wurde Daniels als einziger Patient in den Stiftungsrat der Deutschen Schlaganfall-Hilfe berufen, konnte dadurch sein Wissen im Kontakt mit namhaften Neurologen vertiefen und gründete Deutschlands erste Schlaganfall-Online-Gruppe bei Facebook. Heute ist der gelernte Verwaltungsfachmann ein deutschlandweit anerkannter Fachmann für Schlaganfall-Prävention. Er wird zu Kongressen eingeladen, hält Vorträge und sitzt in Expertenkommissionen. „Ich habe mich von Anfang an mit Herzblut engagiert und gezeigt, dass ich ernsthaft Interesse an der Thematik habe“, sagt Daniels. „Das hat mir den Weg in die Fachkreise geöffnet.“
Tatkraft statt Opferhaltung – unter diesem Lebensmotto hat Daniels eine Art zweite Karriere gemacht. Durch sein ehrenamtliches Vollzeitengagement denkt er nur noch selten an seinen eigenen Schlaganfall, wohl aber permanent an solche, die verhindert werden könnten. Daniels treibt der Wille, einen wirksamen Beitrag zur besseren Vorsorge und Aufklärung in Sachen Schlaganfall zu leisten. Zugegeben, ein hochgestecktes Ziel, meint der heute 64-Jährige: „Erfolgreiches Lernen beginnt immer damit, sich ambitionierte, aber erreichbare Ziele zu setzten – ob man nun gesund oder krank, jung oder alt ist. In den meisten Menschen stecken ungeahnte Talente und Fähigkeiten, die nur darauf warten, entdeckt zu werden.“

Hamster-Tipp

Hamster-TippIm Supermarkt ist auf den Preisschildern immer ein Grundpreis zum Vergleich an-
gegeben. Dabei habe ich schon oft fest-
gestellt, dass die Großpackung nicht immer günstiger ist.
F. Steiner, Hamburg

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