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Hört beim Geld die Liebe auf?

Hört beim Geld die Liebe auf?

Frau von Tiedemann, Sie arbeiten bereits seit 20 Jahren als Paartherapeutin. Was sagen Ihre Erfahrungen: Ist Geld in Beziehungen wichtig oder Nebensache?

So pauschal lässt sich das schwer sagen. In der frühen Phase einer Beziehung ist die Bedeutung von Geld zum Beispiel eine ganz andere als später.
Vor allem am Anfang ist Geld oft ein Tabuthema und wir glauben: „Über Geld spricht man nicht. Geld und Liebe passen irgendwie nicht zusammen.“ In dieser Phase, wenn man gerade frisch zusammengekommen ist, denkt man höchstens: „Mit dir fühlt sich alles so gut an, das mit dem Geld ergibt sich schon.“ Aber später, in längeren Beziehungen, taucht das Thema Geld natürlich schon auf. Dann ist es auch sehr wichtig und kann zu vielen Auseinandersetzungen führen.

Liegt das auch daran, dass Geld am Anfang einer Beziehung ein so großes Tabuthema ist?

In Sachen Geld gibt es tatsächlich oft ein böses Erwachen. Paare machen sich einfach nicht klar, was es zum Beispiel bedeutet, wenn ein Partner deutlich mehr verdient als der andere und einen höheren Lebensstandard gewohnt ist. Da kann es schnell zu Problemen kommen. Deswegen wäre es gut, wenn Paare sich schon früh über die finanzielle Lage Gedanken machen würden. Wichtig ist vor allem, dass sie miteinander darüber reden, dass man zum Beispiel die Frage anspricht: „Wie ist das eigentlich für dich, dass ich mehr verdienen als du?“

Die Probleme fangen ja spätestens dann an, wenn ein Paar zusammenzieht. Solange die Partner nicht zusammenleben, spielt das Ganze eigentlich überhaupt keine Rolle. Der Faktor Geld wird erst dann wichtig, wenn der gemeinsame Lebensmittelpunkt am selben Ort ist. Aber dann geht es los: Wer zahlt was?

Ein besonders wichtiger Aspekt ist dabei die Frage nach dem Urlaub, den sich ein Paar leistet. Nehmen wir folgenden Beispielfall aus meiner Praxis: Der Mann ist Musiker und verdient relativ wenig. Die Frau ist dagegen Chefärztin. Die beiden leben zusammen in einer Wohnung. Wenn sie bestimmte Reisen machen möchte, dann kommt von ihm natürlich: „Das kann ich mir nicht leisen.“ Gleichzeitig ist er zu stolz, von ihr Geld anzunehmen, und das, obwohl die beiden schon zehn Jahre zusammen sind. Er hat ein Problem damit, „in der Schuld eines anderen“ zu stehen und möchte in keiner Form abhängig werden. Das ist keine ungewöhnliche Haltung, vor allem bei Männern. Aber so etwas kann großen Einfluss auf die gemeinsame Lebensqualität haben.

Was raten Sie Paaren in so einer Situation?

Das Ganze sollte nach dem Liebescode funktionieren und nicht nach dem Partnerschaftscode. Was ich damit meine: Gerechtigkeit und Liebe passen nicht so gut zusammen. Man muss sich von dieser Idealidee der Gerechtigkeit verabschieden, wenn man mit einem Partner zusammenlebt, auch auf Ebene der Finanzen. „Das ist deins und jenes ist meins. Das musst du bezahlen, jenes muss ich bezahlen.“ – Eine solche Haltung mag uns gerecht verkommen, aber der Liebescode funktioniert anders. Da geht es um Gemeinsames. Dieses ständige „Mein und Dein“ erzeugt ja ununterbrochen Reibungen.

Man muss sich vorstellen, dass dieses Grundproblem durch den ganzen Alltag mitläuft. Bei jedem Einkauf, bei jeder Anschaffung wird immer wieder die Debatte geführt, wer was zahlt und was sich wer leisten kann. Was für eine Energieverschwendung!

Wie kann man dieses Prinzip des Liebescodes konkret umsetzen?

Ich rate, einen gemeinsamen Topf anzulegen. Das heißt, die beiden Partner sol­­lten aufschreiben, was sie insgesamt einnehmen: sein Gehalt und ihr Gehalt und alle Einnahmen, die sonst noch hinzukommen. Dann werden alle Ausgaben aufgeschrieben: die Fixkosten, was die Kinder brauchen – alles, was rausgeht, und zwar egal, wer das Geld wofür ausgibt. Wenn man Glück hat, bleibt dann eine gewisse Summe im Plusbereich übrig. Bei diesem Vorgehen merken übrigens viele Paare erst, dass sie über ihre Verhältnisse leben.

Für die übrig gebliebene Summe empfehle ich Folgendes: Sie wird halbiert und auf individuelle Konten verteilt. So hat jeder Partner sein eigenes Geld, über das er frei verfügen kann. Dann müssen weder er noch sie sich fragen: „Darf ich mir das, was ich möchte, jetzt kaufen oder nicht?“

Ich kenne auch Paare, die dieses gemeinsame Geld 60:40 aufgeteilt haben, sodass der Besserverdienende etwas mehr auf dem Konto hat. Das ist oft für denjenigen, der weniger verdient, emotional besser. Das Ganze ist sozusagen ein Drei-Konten-Modell.

Wo liegt der Vorteil gegenüber einem klassischen gemeinsamen Konto?

Das Drei-Konten-Modell ermöglicht jedem Partner ein Gefühl von Autonomie. Vielen ist das sehr wichtig, je nach ihrer persönlichen Lebensgeschichte. Für Menschen, die immer ihr eigenes Geld hatten, oder auch für solche, die nie genug Geld hatten, ist es oft schwer, sich vorzustellen, auch finanziell mit einem Partner „zu verschmelzen“. Sie kommen mit der Vorstellung eines gemeinsamen Kontos nicht gut klar. Für solche Menschen ist es besonders wichtig, ein eigenes Konto zu haben und zu wissen: „Was ich davon abhebe, ist meins, und darüber muss ich keine Rechenschaft ablegen.“ Gleichzeitig aber ermöglicht es das Drei-Konten-Modell dem Paar, ein gemeinsames Leben gut zu gestalten. Diese Strategie ist natürlich kein Allheilmittel. Sie passt nicht auf alle Paare, aber doch auf so einige.

Würden Sie Paaren grundsätzlich empfehlen, gemeinsam ihre finanzielle Grundsituation zu prüfen?

Auf alle Fälle. Allerdings liegt genau da eine große Herausforderung. Viele Paare scheuen davor zurück, sich überhaupt erst einmal einen Überblick über die eigenen Einnahmen und Ausgaben zu verschaffen. Viele machen das nicht gern, und gemeinsam erst recht nicht. Aber deswegen ist es nur umso wichtiger. Oft bestehen bei beiden Partnern unglaublich schräge Vorstellungen darüber, in welcher finanziellen Lage sie sich eigentlich befinden. Es kann gut sein, dass das Paar feststellt, dass sie eigentlich besser dastehen, als sie dachten. So kann man sich von unnötigen Ängsten und Projektionen verabschieden. Wenn Paare andererseits erkennen, dass sie sich bestimmte Ausgaben, die sie haben, gar nicht leisten können, dann gehen natürlich ganz andere Überlegungen los.

Geld – ein häufiges Streitthema in Paarbeziehungen

Haben Sie einen Tipp für Paare, die merken, dass sie über ihre Verhältnisse leben? Wie kann man gemeinsam damit umgehen?

Die Betonung des Wörtchens „gemeinsam“ ist schon eine ganz gute Richtung. Die Streithäufigkeit zwischen Paaren in Sachen Geld hängt sich meist an zwei Themen auf: Wer verdient wie viel und wer gibt was wofür aus. Jedes dritte Paar streitet, weil der eine vom anderen meint, er würde Geld für die falschen Dinge ausgeben. Jedes vierte Paar streitet, weil der eine den anderen für einen Verschwender hält. Jedes fünfte Paar streitet, weil überhaupt zu wenig Geld da ist.
Ein Lösungsansatz ist, dass man sich verbündet. Man sollte zueinander sagen: „Es ist so, wie es ist. Wir können diese Situation nicht von heute auf morgen ändern. Also lass uns das Beste daraus machen. Und lass uns nicht auch noch zusätzlich zu einem Angriff gegen den anderen ausholen.“

Ich nehme dafür gerne die Metapher von Hänsel und Gretel: Die beiden werden von ihren Eltern verstoßen und verirren sich im Wald. Sie sind schlecht ausgerüstet und müssen dennoch überleben. Und dann geraten sie auch noch in diese Situation mit der Hexe, die sie in ihrem Pfefferkuchenhaus gefangen hält und Hänsel verspeisen will! Hänsel und Gretel überleben nur, weil sie miteinander kooperieren. Hänsel streckt im rechten Moment einen Knochen aus dem Käfig, wenn die Hexe testen will, ob er schon fett genug ist. Und Gretel gibt im rechten Moment der Hexe einen Tritt in den Hintern. Hätten sich die beiden aber angefeindet, hätten sie sich gegenseitig Vorwürfe gemacht, dann wären sie niemals aus dem Hexenhaus entkommen.

Diese Haltung zueinander lege ich Paaren immer sehr nahe: Fasst euch wie Hänsel und Gretel an der Hand und sagt zueinander: „Weißt du, das ist jetzt ein Tal, das wir gemeinsam durchschreiten. Lass uns überlegen, wie wir uns das Leben trotzdem schön machen können, auch wenn wir nicht so viel Geld haben.“

Ich kenne Paare, denen wirklich dramatisch wenig Geld zur Verfügung steht und die sich trotzdem mit anderen Dingen erfüllen. Sich mit einfachen Mitteln das Leben schön machen, gemeinsam eine schöne Zeit verbringen, ist ein guter Weg. Man sollte sich auf das konzentrieren, was gut ist, und sich darüber austauschen, anstatt immer nur die schwierige finanzielle Situation im Auge zu haben. Das ist natürlich eine große Herausforderung für jedes Paar, denn für viele Menschen ist Glück mit einer Vorstellung von Besitz verbunden.

Gehen Männer und Frauen Ihrer Erfahrung nach eigentlich unterschiedlich mit Geld um?

Frauen haben oft ein gebrochenes Verhältnis zu Geld. Vor allem haben sie Probleme damit, sich überhaupt mit dem Thema zu beschäftigen. Das erlebe ich auch außerhalb der Paartherapie: Frauen, die Karriere machen, kümmern sich oft nicht darum, dass sie auch in eine bessere Gehaltsklasse kommen. Oder sie überlegen gar nicht, ob sich ein Job, ein Projekt, ein Aufwand lohnt. Frauen sind sehr inhaltsverliebt. Sie fokussieren oft überhaupt nicht auf Geld.

Innerhalb einer Paarbeziehung wissen Frauen häufig gar nicht über die finanzielle Lage Bescheid. Laut einer Forsa-Umfrage hat jede vierte Frau überhaupt keinen Überblick über die gemeinsamen Versicherungen, Bausparverträge und Altersvorsorge. Jede fünfte Frau verlässt sich sogar in sämtlichen Finanzfragen auf den Mann. Und die Streithäufigkeit steigt mit dem steigenden Einkommen der Frau. Da haben wir also auch ein emotionales Problem auf Seiten der Männer, vor allem wenn sie diejenigen sind, die schlechter verdienen. Männer stehen oft vor der Herausforderung, sich von der Vorstellung zu lösen, dass sie immer der Versorger sein müssen.

Männer und Frauen haben also jeweils andere Probleme, wenn es ums Geld geht?

Es ist in der Tat sehr wichtig, zu verstehen, dass Männer und Frauen ein unterschiedliches Verhältnis zu Geld haben. Frauen haben dazu eine gefühlsbetonte Beziehung. Sie fühlen manchmal, dass sie zu viel oder zu wenig Geld haben. Meistens zu wenig. Sie prüfen aber selten, ob das auch wirklich so ist. Daraus entsteht dann ein Problem für den Mann, wenn die Frau über die Verhältnisse lebt. Ein Mann, der auf eine solche Situation hinweist, kommt sich oft wie ein Störer der Harmonie vor und macht deswegen zu lange mit. Eine Lösung besteht eben genau darin, die Einnahmen und Ausgaben gemeinsam zu erfassen. Dann bekommt das Ganze wieder einen realistischeren Boden.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Leben Sie denn selbst in einer Beziehung?

Ich habe einen Mann mit fünf Kindern geheiratet und bin jetzt mit 52 neunfache Großmutter. Außerdem haben wir miteinander einen zehnjährigen Sohn. Es ist eine große, bunte, sich sehr gut verstehende Patchwork-Familie, in der ich gleich mehrere Funktionen übernehme: Mutter, Großmutter, Stiefmutter, Schwiegermutter. Das ist eine gute Art der Fortbildung!

Friederike von TiedemannFriederike von Tiedemann arbeitet seit 20 Jahren als Psychotherapeutin und Dozentin. Sie ist gemeinsam mit der Pädagogin Marianne Walzer Leiterin des Hans-Jellouschek-Instituts zur Fortbildung von Paartherapeuten. Ihr jüngstes Buch „Das Geheimnis dauerhaften Glücks“ nimmt „Leitsterne für Paare“ unter die Lupe und gibt Tipps für die erfolgreiche Weiterentwicklung einer Beziehung in der Krise.

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Hamster-TippIm Supermarkt ist auf den Preisschildern immer ein Grundpreis zum Vergleich an-
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