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Das Magazin für Leben und Geld

„Freunde sind mir wichtiger als Geld“

Clara EntenmannClara Entenmann hockt auf der Bank in der Küche und nimmt eine Nachdenk-Position ein. Die 16-jährige Schülerin aus Weinstadt bei Stuttgart ist über sich selbst erstaunt, wie wenig sie sich bislang Gedanken über Geld gemacht hat. „Wir kümmern uns nicht sehr darum“, sagt sie. Mit „wir“ meint sie ihre Freundinnen und Freunde. Fast alle besuchen seit zehn Jahren die Waldorfschule Engelberg.

Mit ihrem Taschengeld umzugehen, hat sie dennoch gelernt. Von der Oma bekommt sie im Monat 16 Euro, mit jedem Lebensjahr einen Euro mehr. Von den Eltern erhält sie monatlich 35 Euro und muss sich dafür verpflichten, dass ihr Mobiltelefon funktioniert. Das Handy kostet sie nur fünf Euro im Monat, weil sie und ihre Freunde alle bei demselben Anbieter sind.

Sie bedauert, dass „man für fast alles Geld braucht, sonst kann man nicht viel machen“. Wenn sie mit ihren Freunden etwas unternehmen will, überlegen sie vorher, was sie sich leisten können: Konzert oder Kino, Café oder Party. Manchmal bummelt sie mit Freundinnen durch Geschäfte und kauft sich etwas zum Anziehen. „Marken spielen bei uns aber keine Rolle“, sagt sie.

„Blöd“ findet die Fußballerin der Spielvereinigung Rommelshausen allerdings, Unnötiges anzuschaffen. Lieber spart sie für eine Ferienreise wie im vergangenen Jahr, als sie ihr Konfirmationsgeld opferte, um mit Mutter und Schwester nach Kuba zu fliegen. In diesem Sommer trägt sie Werbematerial aus und geht Babysitten, weil sie mit ihrer Freundin und deren Eltern nach Griechenland reisen will.

Noch weiß sie nicht, was sie beruflich machen möchte. Im nächsten Jahr, Ende der elften Klasse, werden ihr die Lehrer einen Abschluss empfehlen. Sie will dem Rat folgen, egal ob Realschulabschluss, Fachabitur oder Abitur. Wird das Einkommen bei der Berufswahl eine Rolle spielen? „Mit Geld hat man mehr Möglichkeiten. Ich glaube aber nicht, dass man mit viel Geld zufriedener lebt.“ Wichtig ist für sie, mit Freunden Spaß zu haben und das Leben zu genießen. Sie steht damit nicht allein.

Studien zeigen, dass es den typischen Jugendlichen nicht gibt und die jungen Menschen in sehr unterschiedlichen Lebenswelten zuhause sind. Es lassen sich aber Gemeinsamkeiten finden. Die jüngste Shell-Jugendstudie aus dem Jahr 2010 ergab: Etwa vier von fünf Jugendlichen wollen das Leben genießen, zugleich „fleißig und ehrgeizig sein“ und nach Sicherheit streben. Knapp 70 Prozent möchten mal „einen hohen Lebensstandard haben“. Diese Ergebnisse bestätigt auch die Studie „Appsolutely smart! Jugend.Leben“ der Universitäten Gießen, Siegen und Köln aus dem Jahr 2013.

Die Jugendlichen verfügen über eine feste Werteskala. Am wichtigsten ist für sie „gute Freunde haben“ (97 Prozent), gefolgt von „ein gutes Familienleben führen“ (92 Prozent) und „eigenverantwortlich leben und handeln“ (90 Prozent). Bei den Shell-Jugendstudien – sie gehören zu den renommiertesten Untersuchungen – werden seit 1953 regelmäßig 2500 Jugendliche im Alter zwischen 12 und 25 Jahren befragt. Überrascht hat die Wissenschaftler dieses Mal, dass trotz Finanzkrise und der unsicheren Berufsaussichten „der Optimismus in der Jugend auf breiter Front zunimmt.“ Unter den 15- bis 17-Jährigen liegt die allgemeine Lebenszufriedenheit bei 75 Prozent.

Prabhjot Singh

Vorankommen möchte auch Prabhjot Singh. Der 17-Jährige ist im nordindischen Punjab geboren und kam als Kind mit seiner Familie nach Portugal, vor drei Jahren dann nach Offenbach. Dort besucht er die Geschwister-Scholl-Schule, eine integrierte Gesamtschule.
Mit seinem Taschengeld von 100 Euro im Monat kommt Prabhjot zurecht. Zehn Euro gibt er für sein Handy aus und etwa 40 Euro fürs Essen. Den Rest verwendet er für Ausgehen, Ausflüge und Kleidung. Seine Lieblingsmarken sind Nike, H&M und Zara.

„Geld ist schon wichtig“, erklärt er, „auf der anderen Seite aber auch nicht. Die wichtigen Dinge, die glücklich machen, wie Freundschaft und Liebe, gibt es nicht für Geld.“ Wenn seine Freunde etwas Neues für den Computer kaufen, kommt er schon mal in Versuchung. „Wenn ich aber sehe, dass ich das bald billiger haben kann, warte ich.“ Das Preis-Leistungs-Verhältnis muss stimmen.

Wichtig ist für ihn die Familie, gefolgt von seinen Klassenkameraden. Seine engsten Freunde kommen „von überall her“: aus der Türkei, Griechenland, Indien, Nordafrika und Deutschland. „Wir sind uns alle einig, dass Geld für uns nicht wichtig ist. Ehrlichkeit und Hilfsbereitschaft zählen mehr.“ Einige Freunde haben reiche Eltern. „Die zeigen das nicht und ziehen sich ganz normal an wie wir.“

Prabhjot geht gern zur Schule. „Ich könnte sie auch samstags und sonntags besuchen“, gesteht er. Seine Eltern wollen, dass er sich auf das Lernen konzen­triert und nicht jobbt. Den Regeln der Eltern zu folgen, zeichnet für ihn eine gute Familie aus. Er achtet darauf, dass auch seine Freunde aus einer „guten Familie“ kommen, wie sein Freund Sonil-Alex Bhatti aus Pakistan. Prabhjot will nach der Realschule das Fachabitur machen, um Pilot oder Ingenieur zu werden.

Jugendliche äußern sich häufig rational, sagen Wissenschaftler der Studie „Wie ticken Jugendliche 2012“ des Heidelberger Sinus-Instituts. Sie haben 14- bis 17-Jährige befragt und sie in sieben sogenannte Milieus eingeteilt. Vor allem in einem Milieu wird großen Wert auf Äußerlichkeiten und Statussymbole gelegt. In dieser Gruppe der „Hedonistischen Materialisten“ gibt es eine starke Markenprägung, Konsum kommt vor Sparsamkeit.

Die überwiegende Mehrheit achtet jedoch auf das Preis-Leistungsverhältnis, lautet ein Ergebnis der Studie „Appsolutely smart! Jugend.Leben“. Die Wissenschaftler stellen bei der Befragung von Jugendlichen aus Nordrhein-Westfalen aber auch fest, dass es für mehr als die Hälfte der Jungen wichtig ist, „die richtigen Produkte zu kaufen, damit ich zeigen kann, wer ich bin.“ Unter Mädchen trifft dies auf gut jede Dritte zu.

Fast jeder fünfte Jugendliche gibt bei dieser Befragung an, sich schon mal über einen längeren Zeitraum Geld bei Freunden oder in der Familie geliehen zu haben. Acht Prozent davon, überwiegend Jungs, haben sich mehr als 100 Euro geborgt. Die Wissenschaftler werten dies als Verschuldung.

Yannick HenschelNoch geht der 16-jährige Yannick Henschel aus Vilshofen in der Oberpfalz aufs Gymnasium und hat wenig finanzielle Sorgen. Sein Taschengeld gibt er hauptsächlich für Computerzubehör oder Spiele für die X-Box aus, einiges geht auch für die Verpflegung in den Schulpausen drauf. „Ich bekomme 30 Euro Taschengeld im Monat, damit komm ich über die Runden. Aber in den Ferien trage ich auch häufig Zeitungen aus.“ Einen großen Teil des Geldes packt er auf sein Sparbuch – für eine Zukunft mit Auto, Haus und Familie.

Im Moment spart Yannick in erster Linie auf den Führerschein und auf ein Jahr „Work and Travel“ in Australien – nach dem Abi, bevor es dann hoffentlich mit dem Jura-Studium losgeht. Eine Berufswahl, die mit den Verdienstaussichten nur wenig zu tun hat. „Wenn ich mir einen Job für den Rest meines Lebens suche, sollte das einer sein, der Spaß macht. Da spielt Geld eine Nebenrolle.“

Schulden hat der Teenager bisher kaum gemacht. „Als Kind hab ich mir mal das eine Pokemon-Karten-Deck mehr gekauft und von meiner Mama drei Euro gepumpt“, erzählt er. „Aber um größere Beträge ging es noch nie.“

Überhaupt haben seine Eltern ihm den Umgang mit Geld gut beigebracht, glaubt Yannick. Und das sieht nicht nur er so, sondern auch die meisten seiner Freunde. „Ich glaube schon, dass wir eigentlich alle einen guten Überblick haben.“

Dass Geld auch für seine Generation ein Statussymbol ist, bezweifelt der 16-Jährige nicht. „Ich glaube, dass Geld noch ziemlich weit oben steht. Weil es einem hilft, sich zurechtzufinden.“ Für ihn gibt es auf jeden Fall wichtigere Dinge im Leben, als zig Millionen auf dem Konto zu haben. „Am wichtigsten ist mir meine Familie und Gesundheit. Und Freunde spielen natürlich eine große Rolle, weil man sich gegenseitig unterstützt.“

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