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Den heimlichen Energiefressern auf der Spur

Den Energiefressern auf der Spur

„Als echte Schwaben versuchen wir natürlich auch, beim Energieverbrauch möglichst sparsam zu sein“, sagt Silvia Kling schmunzelnd. Die 43-Jährige lebt mit ihrem Mann Jochen Siegle, 45, und ihren drei Kindern im idyllischen Remstal nahe Stuttgart. Die Söhne Theo und Liam sind 13 und elf, Tochter Maya neun Jahre alt. Vor sieben Jahren mietete die Familie ein Einfamilienhaus aus den 1960er-Jahren. Energetisch ist das Gebäude nicht auf der Höhe der Zeit, meint Siegle: „Aber die üblichen Energiespartricks haben wir alle drauf, damit lässt sich schon einiges bewirken.“

Der Wäschetrockner zum Beispiel läuft nur selten, das Obst wird immer in einer Schüssel statt unter fließend Wasser gewaschen, beim Kochen gehören die Deckel auf die Töpfe. Und ein Vollbad gönnen sich, wenn überhaupt, höchstens ab und zu die Kinder. Außerdem ist inzwischen die komplette Wohnungsbeleuchtung auf LED-Licht umgestellt, das 80 Prozent weniger Strom verbraucht als Glühbirnen.

So erscheinen die Energieverbrauchswerte der 140 Quadratmeter Wohnfläche auf den ersten Blick auch nicht übermäßig hoch: Der Stromverbrauch liegt mit rund 5000 Kilowattstunden pro Jahr gerade noch im durchschnittlichen Wert für eine fünfköpfige Familie. Auch der Wasserverbrauch ist mit jährlich 173 Kubikmeter weder sehr gering noch besonders hoch. „Immerhin gehen die Kinder viermal pro Woche zum Sport – da wird natürlich auch geduscht“, erklärt Silvia Kling. „Und die Waschmaschine läuft unter der Woche zweimal pro Tag.“
Deutlich über dem statistischen Mittel liegt allerdings der Gasverbrauch mit jährlich rund 27 500 Kilowattstunden, davon allein 3000 für das Heißwasser im Bad. Das sind pro Quadratmeter und Jahr 196 Kilowattstunden – statt der durchschnittlichen 143 Kilowattstunden für diese Wohnfläche. Das Hauptproblem: Die Heizanlage ist zwar neu, aber das Haus hat keine moderne Wärmedämmung. „Die Heizanlage zeigt eine Raumtemperatur von 25 Grad an, aber gefühlt ist es in den Zimmern viel kälter“, meint Jochen Siegle. „Deshalb drehen wir gerade im Winter die Heizkörper oft hoch.“

Großes Sparpotenzial

Eine wohlig warme Wohnung und das heiße Duschen verschlingen übrigens in allen deutschen Haushalten den Löwenanteil der Energiekosten. Rund 39 Prozent gehen auf das Konto von Warmwasser und Heizung. Verständlich, dass niemand frierend in der Wohnung sitzen möchte. Doch nur wenigen ist bewusst, dass die Heizkosten mit nur zwei Grad niedrigeren Raumtemperaturen um zwölf Prozent gesenkt werden können. Groß ist das Sparpotenzial auch beim Strom, schließlich fließt aus der Steckdose die teuerste Energie im Haus. Und obwohl die Geräte immer sparsamer werden, ist auch der Stromverbrauch in den vergangenen zehn Jahren um fast 20 Prozent gestiegen. Hauptverantwortlich dafür ist der Siegeszug von Kommunikationstechnik und Unterhaltungselektronik in den privaten Haushalten. Laut einer Studie des Forschungsinstituts EEFA geht dort inzwischen ein Viertel des Stromverbrauchs zu Lasten von Computern, Fernsehern und Co. Vor 15 Jahren waren es nur 6,7 Prozent.

Stromverbrauch für Nichts

Auch Familie Siegle-Kling verfügt über ein stattliches Arsenal an smarter Technik, zumal die beiden Journalisten und Blogger regelmäßig im Home-Office arbeiten. „Wir haben dort mehrere Laptops und Monitore, dazu noch Drucker, Festplatten, Modem und Telefonanlage ganztägig im Einsatz“, zählt Siegle auf. „Hinzu kommen Laptop, iPads und iPods der Kinder, mehrere Handys, das Keyboard, die Spielkonsole und der Bluray-Player.“

All diese Geräte sind relativ neu und verbrauchen von Haus aus eigentlich nicht viel Energie. Ein Arbeitstag am Laptop etwa schlägt mit nur vier Cent Stromkosten zu Buche, ein Desktop-Computer würde das Doppelte verbrauchen. Unterschätzt wird allerdings oft, wie viel Strom im Stand-by-Modus aus der Steckdose fließt.

Laut dem Verbraucherportal Verivox beläuft sich der Stand-by-Stromverbrauch für eine durchschnittliche Familie auf rund 115 Euro pro Jahr – für nichts! Nicht selten saugen schlummernde Drucker, Computer, Hifi-Anlagen oder Fernseher über das Jahr genauso viel Strom, wie im eigentlichen Betrieb. Unnötig Energie verbrauchen auch Ladegeräte, die in der Steckdose bleiben, wenn das Handy oder Tablet aufgeladen ist. Bei neueren Geräten sind das zwar nur 0,3 Watt pro Tag – doch jedes nicht ausgesteckte Netzteil gleicht einem tropfenden Wasserhahn. Abhilfe kann hier eine Steckerleiste mit Netzschalter schaffen. Dann reicht ein Knopfdruck, um alle Geräte, die gerade nicht gebraucht werden, zuverlässig vom Strom zu trennen.

Den Energiefressern auf der Spur

Überraschungen beim Strommessen

Stromfresser sind gerne dort am Werk, wo niemand sie vermuten würde. Diese Erfahrung hat auch Familie Siegle-Kling gemacht, nachdem sie sich ein Strommessgerät besorgt hatte. Solche Amperemeter verleihen viele Stromanbieter, Verbraucherzentralen oder Stadtwerke kostenlos. Sie werden zwischen die Steckdose und das Elektrogerät geschaltet und ermitteln neben dem Stromverbrauch auch die anfallenden Kosten und den CO2-Verbrauch.

Als Erstes kam einer der hauptverdächtigen Energiefresser auf den Prüfstand: die Waschmaschine – 15 Jahre alt und ständig im Einsatz. Das Messergebnis nach 24 Stunden war gleich mehrfach frappierend, berichtet Kling: „Der Stromverbrauch beim Waschen war mit 2,4 Kilowattstunden für drei Waschgänge doch höher als gedacht. Aber selbst als ich die Maschine ausgeschaltet hatte, lief die Uhr weiter und zeigte einen Stromverbrauch von sechs Watt.“

Kaum zu glauben, aber wahr: Nahezu alle Elektrogeräte mit Aquastopp, elektronischer Anzeige oder Trafo ziehen Strom, auch wenn sie scheinbar ausgeschaltet sind – nicht viel, aber immerhin. Auch in diesen Fällen hilft nur das Steckerziehen oder die schaltbare Steckdose. Rechnen würde sich angesichts der täglichen Wäscheberge der Familie allerdings auch eine neue Waschmaschine der Effizienzklasse A+++. Sie würde jährlich nur 150 Kilowattstunden verbrauchen – zwei Drittel weniger als das Altgerät. Mit einem energiesparenden Neugerät könnten die Siegle-Klings also drei Wäscheladungen zum Preis von einer waschen und damit fast 70 Euro jährlich sparen.

Effizienzklasse zählt

Apropos Altgeräte: Generell leisten in deutschen Haushalten immer noch viele Strom- und Wasserverschwender ihren Dienst. Laut Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft sind 17 Prozent der 162 Millionen Elektrogroßgeräte älter als 14 Jahre. Die Experten gehen davon aus, dass der Ersatz von altgedienten Haushaltsgeräten die Stromkosten um bis zu 30 Prozent senken könnte. Betagte Elektroherde etwa verbrauchen 160 Kilo­wattstunden und mehr pro Jahr, effiziente Neugeräte kommen mit weniger als der Hälfte an Strom aus. Bei Kühl- und Gefrierschränken fressen Altgeräte sogar fast dreimal so viel Energie wie Neugeräte der Klasse A+++. Gut 70 Euro Strom­kosten jährlich ließen sich hier durch eine Neuanschaffung mit höchster Energie­effizienzklasse einsparen.

Die Siegle-Klings haben sich vor drei Jahren einen neuen Kühlschrank gekauft. Um das Budget zu schonen, entschieden sie sich für ein preisgünstiges Gerät der Energieklasse A++ für rund 300 Euro. Ein echtes Schnäppchen – oder vielleicht doch nicht?

Der Stromverbrauch liegt laut Hersteller bei 219 Kilowattstunden pro Jahr. Kühlschränke der Klasse A+++ verbrauchen in günstigen Fällen nur 75 Kilowattstunden pro Jahr, bei einem Anschaffungspreis von gut 700 Euro. Nach zehn Jahren hätten sich die Mehrkosten also amortisiert, angesichts der jährlich steigenden Strompreise sogar schon eher.

Solche Hochrechnungen zeigen, was sich beim Neukauf eines Kühlschranks wirklich sparen lässt – und oft ist das vermeintlich teuere Gerät auf Dauer die günstigere Wahl. Übrigens kann der Energieverbrauch von Kühlschränken auch mit einem kostenlosen Trick gesenkt werden: Einfach die Temperatur um zwei Grad wärmer stellen, das spart bereits 12 Prozent Energie.

Den Energiefressern auf der Spur

Übeltäter unter der Spüle

Mit Hilfe des Strommessgeräts konnte schließlich auch noch der größte Stromfresser im Haushalt der Siegle-Klings entlarvt werden. Er wirkt seit Jahren im Verborgenen – gut versteckt unter der Spüle in der Küche: der Elektroboiler für das Heißwasser. Nach 24 Stunden hatte der ‚Übeltäter’ satte 1,5 Kilowattstunden aus der Steckdose gesaugt. Das summiert sich im Jahr auf 548 Kilowattstunden. Damit verursacht das unscheinbare Kleingerät mehr als zehn Prozent des gesamten Stromverbrauchs – und Jahreskosten von fast 160 Euro! Für gelegentliches Händewaschen oder Obst- und Gemüseabwasch entschieden zu viel, meint Siegle: „Als Sofortmaßnahme schalten wir das Gerät jetzt mit einer Zeitschaltuhr zumindest über Nacht automatisch aus.“ Lohnend wäre in diesem Fall auch die Anschaffung eines modernen Durchlauferhitzers, der bis zu 60 Prozent sparsamer arbeitet.

Das Aufspüren der Stromfresser und der bewusste Umgang mit ihnen zahlt sich aus: Nach Berechnungen des Umweltbundesamtes lassen sich jährlich 1000 Kilowattstunden pro Haushalt einsparen – und zwar sofort, kostenlos und ohne Komfortverlust. Beim aktuellen Strompreis von rund 29 Cent könnte das die jährliche Stromrechnung um immerhin 290 Euro senken. Dafür genügen oft ein bisschen mehr Disziplin und Konsequenz. Sofern es finanziell möglich ist, sollten außerdem ineffiziente Elektrogeräte durch energiesparende Modelle ersetzt werden. So ließen sich weitere 1200 Kilowattstunden im Jahr einsparen – und zusätzlich 348 Euro. Unterm Strich addiert sich das auf ein jährliches Plus in der Haushaltskasse von 638 Euro, und das kommt nicht nur dem Haushalt zugute, sondern auch der Umwelt.

Kostenlose Sparmaßnahmen

„Bisher hatte ich gedacht, dass unser Einsparpotenzial bei den Stromkosten ziemlich an der Grenze ist. Nach dem Experiment mit der Strommessung sehe ich das anders“, gesteht Jochen Siegle. Einige kostenlose Sparmaßnahmen hat die Familie dann auch sofort umgesetzt. Viele der insgesamt etwa 50 Elektrogeräte des Haushalts zum Beispiel hingen bereits an schaltbaren Steckdosen. Nun werden die Stromleisten jeden Abend ausgeschaltet und nicht wie bisher nur vor der Urlaubsreise. Das spart mehr als 300 Kilowattstunden jährlich – und fast 90 Euro. Auch die Ladegeräte von Handy und Co. kommen künftig nur in die Steckdose, wenn sie gebraucht werden. Die Waschmaschine und der Boiler stehen jetzt auf der Liste künftiger Neuanschaffungen. Und in Sachen Heizkosten denkt Silvia Kling unter anderem darüber nach, mit dem Vermieter über eine Dachdämmung zu reden: „Aber auch wenn wir uns alle angewöhnen, die Türen zum kalten Flur immer zu schließen, werden die Räume etwas wärmer bleiben.“ Ihr Fazit in Sachen Energiesparen: „Da ist immer noch Luft nach oben – sogar bei uns Schwaben.“

Fotos: Christoph Püschner/Zeitenspiegel

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