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Auskommen mit dem Einkommen

Auskommen mit dem Einkommen
WAYHOME studio/Shutterstock.com

Nicht nur Kleinverdiener kennen das Problem: Immer wieder läuft das Budget aus dem Ruder, und am Ende des Geldes ist noch zu viel Monat übrig. Dabei ist es gar nicht so schwierig, seine Finanzen dauerhaft in den Griff zu bekommen. Man muss sich nur damit befassen wollen. Von Gundula Englisch

Eigentlich sollten die Zahlen optimistisch stimmen: 45,2 Prozent aller deutschen Haushalte kommen laut Umfragen des Bundesamts für Statistik relativ gut mit ihrem monatlichen Einkommen zurecht. Wären da nicht jene 22 Prozent, die angeben, eher schlecht oder sehr schlecht damit auszukommen. Schätzungen zufolge gibt sogar jeder dritte deutsche Haushalt hin und wieder mehr aus, als das Konto zulässt. Offenbar zählt der souveräne Umgang mit dem Geld nicht immer zu den essentiellen Kompetenzen des Erwachsenenlebens.

Gründe dafür gibt es viele: wenig Lust auf die vermeintliche Pfennigfuchserei, Angst davor, als kleinlicher Geizhals abgestempelt zu werden, oder schlicht und einfach die fehlende Routine bei der finanziellen Kontrolle des Haushalts.

Das Auskommen mit dem Einkommen gleicht für Menschen, die an der Armutsgrenze leben, oft einem heiklen Hochseilakt. Doch die große Mehrheit müsste mit ihren Geldmitteln eigentlich recht gut über die Runden kommen. Immerhin verfügen laut Statistischem Bundesamt die deutschen Haushalte pro Monat über ein durchschnittliches Nettoeinkommen von rund 3.000 Euro. Davon gehen 77 Prozent für Konsumausgaben und Miete über den Tresen und 19 Prozent für übrige Kosten, etwa private Vorsorge oder Kfz-Steuern. Bleiben unter dem Strich monatlich mehr als 300 Euro zum Sparen übrig – für den Jahresurlaub, das neue Auto oder unerwartete Ausgaben. Zumindest in der Theorie. Im echten Leben aber geht es mit den Haushaltsbudgets weit weniger planmäßig zu. Zwar eilt den Deutschen der Ruf voraus, ein Volk von emsigen Sparern zu sein, doch Umfragen zufolge haben 30 Prozent der Befragten gar nichts auf der hohen Kante, und fünf Prozent leben sogar ständig mit roten Zahlen auf dem Konto.

Spätestens bei solchen Dauerdefiziten – besser aber noch bevor es so weit kommt – wird es Zeit für einen nüchternen Kassensturz: Wie viel Geld steht monatlich zur Verfügung? In welchen ominösen Löchern verschwindet es?  Wo sind die großen und kleinen Kostenfresser und wie wird man sie los?

Wer sich einen Überblick über seine Finanzen verschaffen will, kann dazu mittlerweile auf einen prall gefüllten Werkzeugkasten zurückgreifen. Dazu zählt das gute, alte handschriftlich geführte Haushaltsbuch ebenso wie zahllose Software-Programme oder Handy-Apps zur Finanzplanung. Fast jede Bank und viele andere Anbieter offerieren solche Gratishelfer, die es jedermann leicht machen, seinem Geld auf der Spur zu bleiben.

Umso erstaunlicher, dass die Mehrheit der Deutschen nicht davon Gebrauch macht. 46 Prozent sind der Meinung auch ohne Haushaltsbuch und Budgetplanung auszukommen. Weitere 17 Prozent halten eine Dokumentation ihrer Einnahmen und Ausgaben zwar für sinnvoll, tun es aber vor allem aus Zeitgründen nicht. Aufhorchen lässt ein weiteres Ergebnis der Erhebung. Am fleißigsten führen nämlich jene Leute Buch, die monatlich über mehr als 3.500 Euro verfügen. Fast die Hälfte dieser eher wohlhabenden Haushalte kontrollieren ihren Haushaltsetat regelmäßig und akribisch. Mit einem Budget zu leben heißt also keineswegs jeden Cent sauertöpfisch umzudrehen und auf Lebensqualität verzichten zu müssen. Im Gegenteil, der solide finanzielle Überblick kann letztlich auch dazu beitragen, dass man sich mehr leisten kann als gedacht. Schließlich dürften in vielen Haushalten Sparreserven schlummern, die sich ohne große Mühe heben lassen.

Sprechen wir über Geld?!
Ob arm oder reich, Geld ist nach wie vor ein Tabuthema. Kaum jemand ist bereit, öffentlich über seine persönliche Finanzsituation zu reden. Auch die folgenden Fallbeispiele zeigen größere und kleinere Geldprobleme und Lösungsansätze auf, ohne die wahre Identität der Menschen dahinter preiszugeben. Martin Holleschovsky, Schuldnerberater beim Diakoniewerk Bayern, kommentiert diese mitten aus dem Leben gegriffenen finanziellen Zwickmühlen und gibt Tipps für das Auskommen mit dem Einkommen.

Beispiel 1: Studentin Nathalie – raus aus der Finanzklemme

Nathalie studiert in München Mathematik und Physik. Ihre Eltern unterstützen sie mit 400 Euro im Monat, die gleiche Summe erarbeitet sich die Studentin mit Nachhilfestunden und einem Aushilfsjob im Café. Mit rund 800 Euro muss Nathalie jeden Monat über die Runden kommen. Das ist etwas mehr Geld, als Studenten in Deutschland durchschnittlich zur Verfügung haben, nicht wenige müssen mit kaum mehr als 600 Euro monatlich auskommen. Doch München ist ein teures Pflaster – Wohnen, Einkaufen oder Ausgehen kosten dort wesentlich mehr als in anderen deutschen Städten. Immerhin hat Nathalie eines der begehrten Zimmer im Studentenwohnheim ergattert, für eine Monatsmiete von rund 400 Euro. Dazu gibt sie etwa den gleichen Betrag für Lebenshaltungskosten und studentische Krankenversicherung aus. Nathalies Monatsbudget ist auf Kante genäht, aber es reicht, um gerade so über die Runden zu kommen.

Brenzlig wurde es für Nathalie, als sie plötzlich ein neues Notebook brauchte, wegen Prüfungsvorbereitungen aber eine Zeitlang nicht arbeiten konnte. Rücklagen hatte sie keine, deshalb blieb ihr nichts anderes übrig, als ihre Eltern um Hilfe zu bitten. Doch der Gedanke an die eigene Finanzmisere ließ Nathalie nicht los. Was tun, um endlich wieder flüssiger zu werden? Noch mehr arbeiten, obwohl sie dringend Zeit fürs Lernen brauchte? Oder vielleicht einen Studienkredit aufnehmen? Oder einfach öfter das Konto überziehen?

„Letzteres wäre die schlechteste Lösung, weil die Überziehungszinsen mit weiteren Kosten zu Buche schlagen“, sagt Martin Holleschovsky. „Am besten ist es, zuallererst ehrlich Bilanz zu ziehen und die monatlichen Einnahmen und Ausgaben ganz genau aufzulisten, inklusive der umgerechneten Ausgaben, die jährlich oder vierteljährlich für Versicherungen, Abos oder Ähnliches anfallen.“ 

Auch Nathalie entschied sich für diese Lösung und führte eine Zeitlang Haushaltsbuch mithilfe einer Smartphone-App.  Dabei stellte sich heraus, dass es gar nicht so schwierig war, am Monatsende noch Geld übrig zu haben. Sie brauchte nur ihre unüberlegten Lustkäufe einzuschränken. Hier mal eine Zeitschrift und dort mal ein T-Shirt, einen Nagellack oder ein bisschen Modeschmuck, das gönnt sich die Studentin jetzt nur noch selten. 

Stattdessen hat Nathalie ein separates Konto eingerichtet, auf das sie monatlich per Dauerauftrag 60 Euro einzahlt. Außerdem bezahlt sie nun fast immer in bar statt mit Bankcard, weil damit die Hemmschwelle zum Geldausgeben viel höher ist. Als Barzahlerin spürt Nathalie nämlich förmlich, wie ihr das Geld durch die Finger zu rinnen droht. Da fällt es viel leichter den kleinen, gemeinen Konsumverlockungen ganz bewusst zu widerstehen.

Budget Beispiel 1

Beispiel 2: Familie Kuhn – die Kostentreiber entlarven

Können wir uns die größere Wohnung wirklich leisten? Vor dieser Frage stand Familie Kuhn, als sich das zweite Kind ankündigte. Die Kuhns bewohnten mit ihrer dreijährigen Tochter eine enge Drei-Zimmer-Wohnung in einer hessischen Kleinstadt und bezahlten dafür monatlich 840 Euro warm. Das entspricht etwa dem empfohlenen Richtwert, nachdem die Miete nicht mehr als ein Drittel des Nettoeinkommens verschlingen sollte. Weil eine Gehaltserhöhung nicht in Sicht war, würden die Kuhns höhere Mietkosten also nur stemmen können, wenn sie den Gürtel bei anderen Ausgaben enger schnallen. Doch wo genau gab es Sparpotenziale im Familienhaushalt? Auf der Suche nach Antworten stieß Frau Kuhn im Internet auf das kostenlose Angebot der Budgetanalyse für private Haushalte. Bei dem Online-Service werden alle Haushaltsdaten wie monatliche Einnahmen und Ausgaben oder Haushaltsgröße elektronisch erfasst und anhand von statistischen Vergleichszahlen ausgewertet. Auf diese Weise erhielten die Kuhns eine fundierte Analyse der Stärken und Schwächen ihres Haushaltsbudgets – mit überraschenden Ergebnissen. Für Versicherungen etwa gab die Familie fast dreimal so viel aus wie ein vergleichbarer Durchschnittshaushalt.

„Das ist gerade für junge Familien nicht außergewöhnlich“, weiß Holleschovsky. „Die Versicherungsvertreter nutzen deren hohes Sicherheitsbedürfnis und verkaufen viele unnütze Policen. Überlebenswichtig sind aber eigentlich nur zwei Versicherungen, nämlich die Haftpflicht- und die Hausratsversicherung, denn sie decken Risiken ab, die wirklich existenzbedrohend sein können.“

Nachdem die Kuhns ihre Kostentreiber entlarvt hatten – auch Ernährungs- und Fahrzeugkosten gehörten dazu – konnten sie ihnen konsequent den Garaus machen. Unwichtige Policen wie Handyversicherung oder Insassenversicherung fürs Auto sind jetzt gekündigt, ebenso die Rechtsschutzversicherung. Bei den notwendigen Versicherungen wie Haftpflicht und Hausrat sind die Kuhns in günstigere Tarife gewechselt. Auch ihre Einkaufsgewohnheiten hat die Familie gründlich überdacht. Der wöchentliche Speiseplan wird nun vorher festgelegt, in den Supermarkt geht es nur noch mit entsprechendem Einkaufszettel und teu­­ere Fertiggerichte sind tabu. In Sachen Fahrzeugkosten war die Umstellung nicht ganz so leicht. Ohne Auto ist das Leben in der Kleinstadt kompliziert, doch muss es nicht unbedingt der teuere Neuwagen sein. Den Finanzierungsvertrag dafür konnten die Kuhns ablösen. Jetzt fahren sie einen Gebrauchtwagen ohne Vollkaskoversicherung und steigen so oft wie möglich aufs Fahrrad um. Unterm Strich brachte die Budgetanalyse monatliche Einsparungen von rund 400 Euro zu Tage – genug Geld, um sich damit die ersehnte größere Wohnung zu leisten. An den richtigen Stellen sparen wirkt also genau wie eine satte Gehaltserhöhung.
Budget Beispiel 2

Beispiel 3: Ehepaar Meyer – Risiken einkalkulieren

Brigitte und Günter Meyer betreiben einen gemeinsamen Feinkostladen mit Cateringservice, von dem sie gut leben können. Mit einem jährlichen Nettohaushaltseinkommen von rund 65.000 Euro gehört das kinderlose Ehepaar zu den Besserverdienern. Die Meyers, beide Anfang 50, leben in ihrer Eigentumswohnung in Potsdam. Als Unternehmer ist es für sie selbstverständlich, jährliche Budgetplanungen zu machen, Rücklagen für Investitionen zu bilden und die Geschäftszahlen immer im Blick zu behalten. Aber auch privat betreibt das Ehepaar Meyer ein nahezu professionelles Finanzmanagement: Das Geld für die laufenden Kosten, gut zwei Drittel der Einnahmen, bleibt auf dem Girokonto. Der Rest wird anteilig auf verschiedene Spartöpfe verteilt: ein Tagesgeldkonto als „Notgroschen“ für unvorhergesehene Ausgaben wie Reparaturen, ein Festgeldkonto für mittelfristige Ziele, etwa den Kauf einer neuen Küche, und ein Aktiendepot für den Vermögensaufbau fürs Alter.

Ein solch solides Finanzpolster hielten die Meyers allerdings lange nicht für nötig. Die Geschäfte liefen bestens, das Konto war immer gut gefüllt. Also gab das Ehepaar sein Geld lieber unbekümmert aus, als sich in der knapp bemessenen Freizeit den Kopf über die sinnvolle Verwendung des Budgets zu zerbrechen. 

Doch dann hatte Günter Meyer einen schweren Unfall und war fast ein Jahr außer Gefecht gesetzt. Ehefrau Brigitte konnte die Mehrarbeit nicht alleine stemmen und musste zusätzliche Mitarbeiter einstellen. Dazu kamen hohe Behandlungskosten, die nur zum Teil von der privaten Krankenversicherung übernommen wurden. Nach kaum einem Jahr waren die angesparten Reserven fast aufgebraucht – und die Ehe der Meyers drohte an der finanziellen Schräglage zu zerbrechen. Nach einiger Zeit ging es mit dem Geschäft und der Beziehung zum Glück wieder bergauf, auch weil das Ehepaar seit dieser existenziellen Krise sehr bewusst wirtschaftet. Heute hat das Absichern einen ebenso festen Platz im Alltag der Meyers wie regelmäßige Gespräche über den Status quo des Haushaltsvermögens. „Das ist der Königsweg: Nehmen Sie sich jede Woche eine halbe Stunde Zeit, um die Einnahmen und Ausgaben gemeinsam mit dem Partner oder der Familie zu diskutieren“, rät Holleschovsky. „Viele scheuen sich davor, weil sie den oft stressigen Alltag nicht noch zusätzlich  mit solchen kniffligen Themen belasten möchten. Doch die Haltung ‚über Geld spricht man nicht‘ ist über alle Einkommensverhältnisse hinweg der Kardinalfehler schlechthin.“
Budget Beispiel 3

 

Tipps von Schuldnerberater Martin Holleschovsky

Schuldnerberater Martin Holleschevsky

„Viele Menschen, die an der Armutsgrenzeleben, wissen nicht, dass sie Anspruch auf staatliche Zuschüsse haben. Dabei gibt es für Bedürftige viele Hilfs­angebote.“
Martin Holleschovsky, Herzogsägmühle, Leiter der Schuldnerberatung Schongau/Ostallgäu
 
 

Wohngeld
Der Zuschuss zur Miete oder der Lastenzuschuss für Eigentümer hängt vom Einkommen und der Haushaltsgröße ab. Anspruch haben vor allem Familien mit Kindern oder Alleinerziehende. Anträge werden beim Wohnungsamt gestellt.
www.wohngeld.org/wohngeldrechner.html

Zuschuss zur Krankenversicherung
Beim Arbeitsamt können Zuschüsse zur gesetzlichen oder privaten Krankenversicherung beantragt werden – besonders interessant für Selbständige, die sich privat versichern müssen.
www.arbeitsagentur.de/arbeitslos-arbeit-finden/sdc

Kinderzuschlag
Den Zuschlag auf das Kindergeld erhalten Eltern, die mindestens 900 Euro (Alleinerziehende 600 Euro) monatlich verdienen. Er beträgt pro Kind höchstens 170 Euro im Monat und wird bei der Familienkasse der Arbeitsagentur beantragt.
www.arbeitsagentur.de/familie-und-kinder

Bildungs- und Teilhabepaket
Bei Bedürftigkeit übernehmen Gemeinde, Landkreis oder Stadt die Kosten für Klassenfahrten, Nachhilfeunterricht oder Mittagstisch in voller Höhe. Für die Anschaffung des Schulmaterials am Schuljahrsbeginn gibt es 100 Euro Soforthilfe. Anträge werden bei der Gemeinde, beim Landkreis oder der Stadt gestellt.

Kinderbetreuungszuschuss
Diese Kosten übernimmt im Bedarfsfall das Jugendamt. Die Unterstützung kommt besonders für Alleinerziehende, Geringverdiener oder Eltern in Ausbildung in Frage. Auch Arbeitgeber gewähren Zuschüsse für die Kindergartengebühr oder die Tagesmutter.


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