Im 
Plus
Das Magazin für Leben und Geld

„Arm zu sein bedarf es wenig …“

Dieter MalyDeutschland ist ein vergleichsweise reiches Land, trotzdem sind rund 14 % der Bevölkerung armutsgefährdet – immerhin 11,5 Millionen Menschen. Was kann man dagegen unternehmen und wie können die Kommunen vor Ort helfen? ImPlus hat nachgefragt bei Dieter Maly, Leiter des Sozialamts in Nürnberg.

Wie sieht es bei uns mit der Armut aus?

Wenn man alle Betroffenen zusammennimmt, das heißt die Empfänger von Hartz 4-Leistungen, von Sozialhilfe, von Grundsicherung im Alter und noch die Asylbewerber, kommt man z. B. in Nürnberg auf etwa 60 000 Menschen, die in Armut leben. Bei gut 500 000 Einwohnern ist das eine Größenordnung, die niemand einfach so wegdiskutieren kann, die auch niemand kaltlassen kann. In vielen anderen Großstädten in Deutschland ist der Anteil der Armen sogar noch höher.

Wieso sind die Kunden der Jobcenter und der Sozialämter arm – sie bekommen doch ihren gesetzlichen Regelsatz „vom Amt“?

Der Regelsatz beträgt aktuell für einen alleinstehenden Erwachsenen 374 € im Monat. Dazu kommen noch die tatsächlichen Kosten für die Miete und die Heizung, wenn sie bestimmte Richtwerte nicht überschreiten. Wer bei uns in Deutschland von 374 € leben muss, der gilt nach allen mir bekannten Definitionen als arm. Und das ist in der Logik unserer Sozialgesetzgebung auch so gewollt: Die Hilfe vom Jobcenter oder vom Sozialamt soll ein Überleben in Armut sichern, aber nicht den Ausgang aus der Armut eröffnen. Das ist nur mit einem ausreichenden Arbeitseinkommen zu erreichen. Ein solches steht aber – aus den unterschiedlichsten Gründen – leider nicht allen Menschen zur Verfügung.

Was kann man denn aus Ihrer Sicht tun, um die Armut zu bekämpfen oder um die Zahl der Armen zu senken?

Der Königsweg ist natürlich noch immer, die Menschen in Lohn und Brot zu bringen. Dafür sind die Arbeits­agenturen und die Jobcenter zuständig. Aber deren Bemühungen nützen nur sehr wenig, wenn der Arbeitsmarkt nicht genügend ausreichend bezahlte Stellen zur Verfügung stellt. Genau das ist in Deutschland (und nicht nur in Deutschland) seit fast 30 Jahren der Fall – wir hatten in den 1970er Jahren zum letzten Mal eine Vollbeschäftigung, und wir erreichen sie heute auch bei guten Konjunkturbedingungen nicht mehr. Vor diesem Hintergrund werden andere Maßnahmen zunehmend wichtig, um den Menschen Arbeit zu verschaffen. Als Erstes ist die Bildung zu nennen, und da müssen wir schon bei den kleinen Kindern ansetzen – gut gebildete und gut ausgebildete Menschen haben einfach die besseren Chancen im Leben; das Herstellen von „Bildungsgerechtigkeit“ ist eine eminent wichtige Aufgabe. Auch die erfolgreiche Integration von Migranten ins Bildungssystem gehört hier dazu. Weitere Stichworte in diesem Zusammenhang sind auskömmliche Mindestlöhne und die Sicherung eines vernünftigen Rentenniveaus, sonst droht die Armut im Alter.

Was können denn die Kommunen direkt vor Ort tun, um Armut zu bekämpfen?

Die Kommunen haben den Vorteil, nah an den Bürgern dran zu sein, und ihre Bedürfnisse zu kennen. Um zusätzliche Teilhabechancen zu eröffnen, haben wir in Nürnberg schon vor vielen Jahren den „Nürnberg-Pass“ geschaffen. Das ist eine Karte, mit der man z. B. verbilligten Eintritt bei fast allen öffentlichen Institutionen erhält, vom Opernhaus über den Tiergarten bis zum Schwimmbad. Besonders wichtig für die Nutzer ist eine verbilligte Monatskarte für den öffentlichen Nahverkehr. In den letzten Jahren haben wir einen Schwerpunkt darauf gelegt, neue Nürnberg-Pass-Leistungen für Kinder und Jugendliche zu erschließen, z. B. Ferienangebote oder verbilligte Beiträge im Sportverein. Ich glaube manchmal, die Bundesregierung hat da mit ihrem Bildungs- und Teilhabepaket für Kinder ein bisschen abgekupfert. Solche „Sozialpässe“ gibt es in vielen Kommunen, es lohnt sich auf jeden Fall, nachzufragen.

Direkte finanzielle Hilfen gibt es nicht, wenn mal wirklich ein Notfall vorliegt?

Ja und nein. Nein, weil es über die gesetzlichen Leistungen hinaus keine Rechtsansprüche gibt. Ja, weil wir in Nürnberg über eine Reihe von Stiftungen und Spendenmittel verfügen, mit denen im Notfall eine Durststrecke überbrückt werden kann. Das geht aber wirklich nur im Notfall, wenn jemand z. B. sein ganzes Geld verloren hat oder es gestohlen wurde, oder wenn eine große Zuzahlung für die Zähne oder für die Brille nicht aufgebracht werden kann. Der Sozialdienst entscheidet, ob jemand eine Spende bekommt oder nicht. Solche „Notfalltöpfe“ gibt es in vielen Kommunen und Landkreisen – man muss sich nur beim kommunalen Sozialdienst oder auch bei den großen caritativen Verbänden erkundigen. Wir würden gerne noch viel mehr in diese Richtung tun, aber leider setzt die schwierige Haushaltssituation der Städte dabei enge Grenzen. Hier kommt zur Armut der Bürger verschärfend die Armut der Städte hinzu.

Herr Maly, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Interview führte Prof. Piorkowsky, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutschland im Plus – Die Stiftung für private Überschuldungsprävention

Foto: luxurphoto/Shutterstock, Dieter Maly

Hamster-Tipp

Hamster-TippEine Warmwasser-zirkulationspumpe schont die Umwelt und erfreut den Geldbeutel! Drücken, kurz warten, Einhebelmischer betätigen – sofort strömt heißes Wasser aus dem Wasserhahn.
M. Sailer, Essen

Nachgelesen

Was tun, wenn das Geld nie reicht? Der Wirtschaftsjournalist Matthias Müller-Michaelis liefert Informationen und Gegenmaßnahmen.

Was ist eigentlich

Der Begriff stammt ursprünglich aus der Forstwirtschaft: Für eine …

Cartoon

Cartoon – Hört beim Geld die Liebe auf?